Einführung

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Einleitung

In den letzten Jahren haben sich Web 2.0- Anwendungen in einer atemberaubenden Art und Weise etabliert. Websites wie Wikipedia, YouTube oder Flickr laden Nutzerinnen und Nutzer ein, eigene Inhalte zu präsentieren. Ein beachtlicher Teil dieser Inhalte hat historische Bezüge oder widmet sich direkt geschichtlichen Themen. Hier wird Geschichte – in der Regel – von Laien für Laien angeboten, wird Geschichte popularisiert. Insbesondere auch aus diesem Grund setzen sich in jüngster Zeit Historikerinnen und Historiker mit dem Problem auseinander, welche Auswirkungen diese Art der Präsentationsform auf das allgemeine populäre Geschichtsbild der Menschen haben kann und welche Folgen sich daraus für die Arbeit im Rahmen der Fachwissenschaft ergeben können. Zugleich ist eine Diskussion darüber entstanden, ob und inwieweit Web 2.0-Anwendungen eine wichtige Innovation für die eigene fachwissenschaftliche Lehr- und Forschungspraxis darstellen bzw. darstellen können.

  1. Im Kern bestehen Web 2.0-Anwendungen aus solchen Systemen oder Systemkomponenten, die mit einem Browser eine Zwei-Wege-Kommunikation ermöglichen und aufgrund dieser Systemarchitektur offen zugänglich und kollaborativ ausgerichtet sind.
  2. Im Bereich der Geschichtswissenschaft hat die Wikipedia eine verstärkte Auseinandersetzung mit dem Web 2.0 forciert. Diese Beschäftigung war zunächst von einer tiefgreifenden Skepsis geprägt (H-SOz-u-Kult - Rezension über die Wikipedia). Die kritische Distanz zur Online-Enzyklopädie Wikipedia ist nach 2005/06 jedoch einer kritischen Hinwendung gewichen, nicht zuletzt auch aufgrund der „Wikipedia-Academies“ und der Bemühungen um eine Verwissenschaftlichung der Wikipedia.
  3. Eine theoretische Auseinandersetzung über den Nutzen und Nachteil des Web 2.0 für die Geschichtswissenschaft sowie eine methodisch fundierte Konzeption von geschichtswissenschaftlichen Web 2.0-Projekten gibt es in der Fachdisziplin erst in Anfängen. Es fehlt ebenso noch eine wissenschaftliche Aufarbeitung des immensen Potentials für Geschichtspopularisierung, das dieser neuen Informationsplattform im World Wide Web innewohnt und das aufgrund seiner Interaktivität noch deutlich höher einzuschätzen ist als das des Fernsehens vor dreißig oder vierzig Jahren. Folglich sind zwei Aspekte für die Auseinandersetzung mit dem Web 2.0 von fachwissenschaftlicher Seite aus zu betrachten:
    1. die Frage, wie die Fachwissenschaft mit der Geschichtspopularisierung durch Nicht-Fachwissenschaftler umgehen soll, ein Prozess, der unabhängig von einer Beteiligung der Geschichtswissenschaft am Web 2.0 stattfindet und auch weiterhin stattfinden wird;
    2. die Frage, welche Möglichkeiten sich für die Geschichtswissenschaft aus den Potenzialen des Web 2.0 ergeben und wie diese im Rahmen der wissenschaftlichen Arbeit genutzt werden können und welche Auswirkungen auf die Arbeit der Historikerin bzw. des Historikers sich aus der Nutzung von Technologien des Web 2.0 ergeben können.
  4. Ähnlich wie im journalistischen spielt im geschichtswissenschaftlichen Bereich die Grundsatzfrage eine zentrale Rolle, inwieweit das Web 2.0 als eine „globale Hirnmaschine“ (Kevin Kelly: We are the Web, in: Wired Magazine, Issue 13.08, August 2005, URL: http://www.wired.com/wired/archive/13.08/tech.html) betrachtet werden kann, die mit beachtlicher „Schwarmintelligenz“ („Weisheit der Vielen“, James Surowieki: The Wisdom of Crowds, 2004) ausgestattet ist. Skeptiker sehen im Web 2.0 eher einen „Kult der Amateure“ (Andrew Keen: The Cult of the Amateur, 2007, Bernd Graff: Die neuen Idiotae. Web 0.0, in: Süddeutsche Zeitung online, 7.12.2007, URL: http://www.sueddeutsche.de/computer/28/426784/text/), der einen immer breiteren, potenziell jedoch schädlichen Einfluss auf die Qualität von Wissen zur Folge habe. Aus diesem Grund fordern sie ein „kontrolliertes Web 2.0“ (Peter Haber im Blogbeitrag zur Tagung über den Vortrag von Manfred Thaller, http://weblog.histnet.ch/archives/3212), das eine intersubjektive Überprüfbarkeit von Informationen sicherstellt. Das wäre aus wissenschaftlicher Sicht wohl der ideale Weg, das freiwillige Engagement wissenschaftlicher Laien mit den Kenntnissen der wissenschaftlichen Experten für das jeweilige Thema in Einklang zu bringen. Geschichtswissenschaftliche Projekte in Web 2.0-Umgebungen wie etwa „Docupedia Zeitgeschichte“ nutzen genau diese kontrollierte Art einer Onlinezusammenarbeit von Wissenschaftlern aus, um die Vorteile des Web 2.0 ohne Einbußen an wissenschaftlicher Qualität nutzen zu können. Als Grundlage dafür wären jedoch zunächst Untersuchungen darüber anzustellen, wo und in welcher Form sich qualitative Unterschiede bemerkbar machen, denn eine objektive und umfassende Analyse etwa der Qualität von geschichtswissenschaftlich relevanten Artikeln in der Wikipedia steht derzeit noch aus.
  5. Im Rahmen der Wikipedistik hat die Geschichtswissenschaft allerdings bereits erste „Bestandsaufnahmen“ zu dem Problem der „Wissenschaftlichkeit“ der Wikipedia vorgelegt. Über diese Anfänge hinaus bietet sich eine Vielzahl von Möglichkeiten an, wie sich Geschichtswissenschaft und ihre Nachbardisziplinen mit den Herausforderungen und Chancen des Web 2.0 auseinandersetzen können. Im Rahmen der „Siegener Thesen“ wird von den Autoren auf folgende Aspekte eingegangen:
    1. Zu nennen sind die Möglichkeiten des kollaborativen wissenschaftlichen Arbeitens in Expertensystemen unter der Berücksichtigung schnellerer Publikationszyklen und höherer Aktualität, unter Wahrung der geltenden wissenschaftlichen Standards auf Basis eines Redaktionssystems. Rüdiger Hohls: Docupedia Zeitgeschichte
    2. Ganz grundlegend für die Geschichtswissenschaft ist die Frage nach den Chancen und Risiken einer kollaborativen Quellenedition, an der Experten und Laien gemeinschaftlich arbeiten und die wissenschaftlichen Standards genügt, so dass sie nach Abschluss der Bearbeitung als uneingeschränkt zitierfähig gelten kann. Jürgen Beine: Wikis als Herausforderung für die Geschichtswissenschaft
    3. Generell ergeben sich im Zuge einer fortschreitenden Digitalisierung der Gesellschaft vielfältige Herausforderungen für Archive. Nicht die Frage einer Notwendigkeit digitaler Archivierung steht dabei im Mittelpunkt, sondern die nach der Möglichkeit einer Nutzung der Web 2.0-Community zur schnelleren Verarbeitung von Archivmaterialien. Patrick Sahle: Das Archiv als virtualisierte Forschungsumgebung
    4. Neben den Archiven sehen sich zudem Bibliotheken mit den Herausforderungen durch die Digitalisierung konfrontiert. Im Bibliothekswesen spielt zwar das Web 2.0 eine geringere Rolle, aber im Bereich einer „Digitalen Bibliothek“ ist man schon deutlich weiter als etwa die Archive. Gregor Horstkemper: Eine verzopfte Zunft auf dem Weg zur Bibliothek 2.0
    5. Die Methoden, die das Web 2.0 auszeichnen, vor allem Wikis und Blogs als schnelle und mit Suchmaschinen im Web gut aufzufindende Publikationswerkzeuge, sind als Herausforderung und Chance für die Geschichtswissenschaft ebenfalls eine nähere Betrachtung wert. Richard Heigl: Wikis und Blogs als neue wissenschaftliche Arbeitsinstrumente
    6. Darüber hinaus stellt sich die grundsätzliche Frage, welchen Einfluss die neuen Technologien gezielt oder eher als Nebeneffekt auf die Arbeitsweise von Historikerinnen und Historikern haben können oder bereits nehmen. Die Frage, ob und, falls dies bejaht wird, inwieweit sich die Geschichtswissenschaft als Disziplin wandeln wird oder wandeln muss, zählt zu den zentralen Punkten, die zu diskutieren sind. Peter Haber: Geschichte schreiben in digitalen Zeiten; Manfred Thaller: Das Ende des Kanons: Drohungen und Hoffnungen

Jenseits der genannten Punkte, die im Rahmen der „Siegener Thesen“ zu Web 2.0 und Geschichtswissenschaft diskutiert werden, existiert ein ganze Reihe von weiterführenden Aspekten zur Thematik. Dazu gehört einerseits die schon eingangs erwähnte Auseinandersetzung mit der Popularisierung von Geschichte durch die verschiedenen Web 2.0-Systeme und den Folgen für die Rezeption durch die Nutzerinnen und Nutzer solcher Angebote. Andererseits stellt neben der Analyse von bestehendem Content die Gestaltung eigener geschichtswissenschaftlicher Projekte auf Basis von Web 2.0-Technologien eine neue Herausforderung für die Historikerzunft dar. Diese ist nicht allein auf die inhaltliche Konzeption solcher Präsentationen beschränkt, sondern es bedarf zudem einer Analyse der Anforderungen an das System, mit dessen Hilfe die Inhalte publiziert werden sollen. Eine wichtige Schnittstelle zwischen Web 1.0- und Web 2.0-Anwendungen bilden dabei Content Management Systeme. Diese ermöglichen ebenfalls eine gemeinschaftliche Erstellung und Bearbeitung von Inhalten, sind jedoch aufgrund der Authentifizierungsmechanismen des in ihnen verwendeten Rollensystems Restriktionen unterworfen, die Web 2.0-Anwendungen prinzipiell nicht zulassen. Aus diesem Grund ist sowohl die inhaltliche Konzeption den Möglichkeiten der Systeme anzupassen als auch bei der Wahl der Publikationssysteme die inhaltliche Zielsetzung aus Sicht der Geschichtswissenschaft zu berücksichtigen. Über die bisherigen Systeme und Möglichkeiten hinaus kann der Blick der Geschichtswissenschaftler durchaus schon in die Zukunft der Möglichkeiten digitaler Publikations- und Kommunikationsformen gelenkt werden. Die Auseinandersetzung mit den Perspektiven, die das Web 2.0 für die Geschichtswissenschaft bieten kann, sollten zudem auf eine Diskussion der Möglichkeiten und Grenzen des „Social Semantic Web“ erweitert werden. Insbesondere sollten die Möglichkeiten der Ontologien als der Basisarchitektur eines semantischen Web (Siehe dazu das Wiki: semantic-web-grundlagen) eruiert und systematisch aufbereitet werden.