Erfolgsgeschichte Wikipedia - Wie schafft man die Quantität zur Qualität?

Aus HistnetWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Wikipedia ist in der breiten Öffentlichkeit häufig nur als online abrufbare Enzyklopädie bekannt, doch bietet die Website weit mehr als nur das Nachschlagen von mehr oder weniger Wissenswertem. Im Gegensatz zu den alteingesessenen Konkurrenten, die sich meist klassisch in Buchform - seit geraumer Zeit auch im Internet - präsentieren, ist das Funktionsprinzip Wikipedias hochgradig dynamisch. Hinter den Kulissen laufen täglich vielfältige Prozesse ab, die Inhalt und Umfang Wikipedias beeinflussen. Der Clou: Jeder ist eingeladen mitzuarbeiten. Die Beteiligung Dritter ist hier nicht nur erwünscht, sie ist die Grundlage, auf der alle Prozesse, die eine Funktion des Projektes ermöglichen, basieren. Im Folgenden soll die Entstehungsgeschichte Wikipedias näher beleuchtet werden. Darauf aufbauend soll versucht werden, mögliche Beweggründe für den Erfolg Wikipedias aufzuzeigen.

Das Wiki-Prinzip

Das Grundgerüst des Wiki-Prinzips wie auch die Bezeichnung gehen auf den Programmierer Ward Cunningham zurück. Cunningham schuf mit dem Portland Pattern Repository (PPR) 1995 das erste Wiki. Diese Software bot erstmals die Möglichkeit der Kollaboration verschiedener Autoren durch ein sogenanntes open content-System an. Um eine effiziente Zusammenarbeit unabhängiger Einzelpersonen sicherzustellen, wurden dem Prinzip folgende Funktionsmerkmale zugrunde gelegt (vgl. Cunningham, W. (2006): Design Principles of Wiki: How can so Little do so Much? Vortrag auf der WikiSym´06, Odense, Dänemark, 23.08.06):

  1. Möglichkeit des unkomplizierten Erstellens neuer Inhalte (keine grundlegenden HTML-Kenntnise und keine zusätzliche Software vonnöten).
  2. Möglichkeit des Erstellens von Links zu noch nicht vorhandenen Inhalten.
  3. Möglichkeit der Anpassung an gegenwärtige Erfordernisse.
  4. Die Abhängigkeit von Vorgaben der Auszeichnungssprache(Markups) sollen möglichst gering gehalten werden.
  5. Der Schreibprozess soll den Grundsätzen des Wiki-Prinzips folgen.
  6. Jedes Element eines Wikis soll mit dem Programmcode des jeweiligen Programms verbunden sein.
  7. Die Titel der Beiträge sollen verständlich und ohne Weiteres verortbar sein.
  8. Die Titel der Beiträge sollen äquivalent zum Inhalt sein.
  9. Jede Art der Nutzung der Software soll (zunächst) zulässig sein.
  10. Alle Prozesse sollen überprüfbar sein.
  11. Inhalte können nachträglich editiert werden.

(Die Aufzählung der Funktionsmerkmale erhebt keinen Anspuch auf inhaltliche Vollständigkeit oder exakte Korrektheit: Es sollen hier lediglich die Grundstrukturen des Wikiprinzips umrissen werden.)

Diese Prinzipien bilden nach wie vor - zumindest in sehr ähnlicher Form - das Grundgerüst aller Wiki-Anwendungen. Die von Cunningham vorgeschlagenen (und auch umgesetzten) Funktionsmerkmale der Wikis stellen ein einfaches, wenig eingeschränktes, aber dennoch effizientes kollaboratives Arbeiten sicher. Er selbst beschreibt Wikis als: "the simplest online database that could possibly work" (Leuf, B. / W. Cunningham (2001): The Wiki Way. Quick Collaboration on the Web. Boston et al.:Addison-Wesley.)

Social-Software und die Open-Source-Bewegung im Web 2.0

Der Ausdruck Social-Software bezeichnet vor allem Anwendungen im Bereich des Informations-, Beziehungs- und Identitätsmanagement (vgl. Schmidt, Jan: Social Software: Onlinegestütztes Informations-, Identitäts- und Beziehungsmanagement, in: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Nr. 2/2006, S.37-46). In einem weiteren Rahmen können alle Website, die Gruppeninteraktion unterstützen, hinzugezählt werden. Betrachtet man die Rangliste der weltweit am häufigsten besuchten Internetseiten (vgl. http://www.alexa.com/site/ds/top_sites?ts_mode=global&lang=none (09.11.08)), wird man feststellen, dass unter den erten zehn Rängen mehrere reine Social-Network-Sites gelistet sind. So rangiert die Seite MySpace auf Platz sieben; das englischsprachige Pendant zu Studivz im deutschsprachigen Raum, Facebook, schafft es sogar auf Platz fünf. Doch auch beispielsweise Websites wie Youtube - in der Rangliste auf Platz drei - oder eben Wikipedia (auf Rang acht) enthalten durchaus Social-Networking-Elemente. Nach dem Verweis auf Social-Software muss im Zusammenhang mit Wikipedia jedoch genauso die Open-Source-Bewegung genannt werden, da sich hier durchaus Analogien, besonders in Bezug auf das Lizenzrecht, erkennen lassen. Open-Source-Software zeichent sich insbesondere durch die Verfügbarkeit des Quelltextes aus, der vom jeweiligen Herausgeber der Software bereitgestellt wird. Weitere Merkmale von Open-Source-Produkten können in der Open-Source-Definition(OSD), die seinerzeit von Bruce Perens, dem ehemaligen Projektleiter der Linux-Distribution Debian, aus dem Debian Social Contract und den Debian Free Software Guidelines zusammengestellt wurde, unter http://www.opensource.org/docs/osd (09.11.08) nachgelesen werden. Von besonderem Interesse für das hier bearbeitete Thema ist jedoch, wie schon zuvor erwähnt, die Ählichkeit der Richtlinen der OSD zu den Autorenlizenzbestimmungen bei Wikipedia. Da das GNU-Projekt auf ähnlichen Motiven wie die der Open-Source-Bewegung aufbaut, sind Analogien der beiden Projekte nicht zu übersehen. Diesen Zusammenhang beschreibt der Autor Günter Schuler in seinem Buch "Wikipedia inside" wie folgt: "Eine nahe Verwandschaft ist zum einen durch die Sache gegeben - hier umsonst zur Verfügung stehende Software, die unter einen (einer, B.J.) freien Lizenz steht und verändert werden kann, dort eine Enzyklopädie, deren Inhalte ebenfalls jeder verwerten oder verändern kann." (Schuler, Günter: Wikipedia inside. Die größte Enzyklopädie der Welt und ihre Community. Münster 2007, S. 36). Mit den Begriffen der social-software und der Open-Source-Bewegung verknüpft ist das Konzept des Web 2.0 des Verleger Tim O´Reilly. Es beschreibt Veränderungen in der Empfindung, Verwendung sowie der Gestaltung von Anwendungen im Internet. Das Ende des 'alten' Internets markiere der Zusammenbruch des E-Buisness-Hype 2001. Das 'neue' Internet, wie wir es heute kennen, charakterisiere sich vor allem durch ein höheres Kommunikations- und Interaktionspotenzial, das besonders duch kostenlose Softwaretools (man denke an Blogs, SNS oder eben Wikis) unterstützt würde, sowie durch neue Geschäftsmodelle, die besonders auf durch Nutzer erzeugte Inhalte bauen und auf Nischenmärkte setzen.

Wikipedia: Nutzerunterscheidungen

Da das Funktionsprinzip Wikipedias auf ein kollaboratives Arbeiten setzt, wird schnell klar, dass auch die hierarchischen Strukturen Wikipedias auf gegebene Erfordernisse angepasst sein müssen. Entsprechend ihren Rechten und Aufgaben werden die Nutzer Wikidedias folgendermaßen unterschieden:

  • Anonyme Nutzer: Anonyme Nutzer sind alle nicht in der Wikipediadatenbank registrierten Nutzer. Sie haben weder eine Benutzerseite noch einen Benutzernamen. Dennoch sind sie befugt, bis auf spezielle Ausnahmen, Wikipedialemmata zu editieren, hierbei erscheint ausschließlich die IP-Adresse des jeweiligen Nutzers in der Versionsgeschichte. Diese Nutzer können, wie auch alle anderen hier unterschiedenen Nutzerkategorien, ihr Votum bei Abstimmungen abgeben, jedoch werden diese Stimmen häufig nicht gewertet (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Benutzer (09.11.08)).
  • Angemeldete Autoren: Diese Kategorie verfügt über eine spezifische Benutzerseite und einen Benutzernamen, der in der Versionsgeschichte anstelle einer IP-Adresse angezeigt wird. Neben den Rechten, die anoymen Nutzern eingeräumt werden, können sie Artikel neu verlinken, Bilder und andere Medien hochladen sowie über eine persönliche Beobachtungsliste verfügen (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Benutzer (09.11.08)).
  • Administratoren (system operator): Diese Gruppe zeichnet sich durch erweiterte Editierrechte aus. Sie können ganze Lemmata löschen beziehungsweise wiederherstellen (rollback-Funktion) und/oder einzelne Fassungen aus der Versionsgeschichte entfernen. Des Weiteren können sie IP-Adressen von angemeldeten sowie von anonymen Nutzern sperren (z.B. wegen Vandalismus) und einzelne Lemmata kurzfristig für die Bearbeitung schließen. Administratoren werden aus dem Kreis der angemeldeten Benutzer mehrheitlich gewählt. Jeder angemeldete Nutzer, der mehr als 1.000 Editierungen vorgenommen hat und eine bestimmte Zeitspanne bei Wikipedia angemeldet ist, kann zum Administrator gewählt werden (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Administratoren (09.11.08)).
  • Bürokraten: Sie werden aus den verfügbaren Administratoren gewählt. Sie haben Zugang zu bestimmten Funktionen der MediaWiki-Software und können nach einer Abstimmung dem gewählten Nutzer die Administratorenrechte einräumen. Die Bürokraten betreuen ausschließlich die Sprachversion Wikipedias, in der sie gewählt wurden(vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Bürokraten (09.11.08)).
  • Stewards: Im Gegensatz zu den Bürokraten besitzen die Stewards sprachversionen-übergreifende Rechte. Sie können Bürokratenfunktionen initialisieren und - falls es nötig sein sollte - den Administratoren-Status eines Nutzers aufheben. Innerhalb eines bestimmten Zeitraums werden Stewards gewählt. Um eine Wahl für sich zu entscheiden, müssen mindestens 80 % positive Simmen (auch negative möglich) vorhanden sein (vgl. http://meta.wikimedia.org/wiki/Stewards (09.11.08)).
  • Entwickler: Diese werden vom Board of trustees ernannt. Sie besitzen umfangreiche, versionsübergreifende Zugriffsrechte auf die MediaWiki-Software (vgl. http://www.mediawiki.org/wiki/Developers (09.11.08)).

Neben den hier genannten Nutzerunterscheidungen gibt es zusätzlich noch einige weitere Positionen, beispielsweise den Vermittlungsausschuss, die sogenannten Checkuser und die Rolle der sogenannten Oversights. Jimmy Wales hat weiterführend selbst noch eine erweiterte Nutzerklassifikation eingeführt, auf die hier jedoch nicht weiter eingegangen werden soll.

Entwicklungsgeschichte

Wikipedia wurde im Januar 2001 von Larry Sanger und Jimmy Wales als freie Online-Enzyklopädie gegründet. Die Idee war es, eine Plattform zu schaffen, auf der sich eine umfassende, vielsprachige und qualitativ hochwertige freie Enzyklopädie entwickeln sollte. Bereits im März 2000 hatten Sanger und Wales die Online-Plattform Nupedia gegründet. Das Funktionsprinzip Nupedias war grundlegend dem der Wikipedia sehr ähnlich. Die hauptsächlichen Unterschiede waren, dass die Plattform zunächst hauptsächlich in englischer Sprache verfasst war und nicht jeder Interessierte berechtigt war, Artikel zu verfassen bzw. zu editieren - "The editor may, in some cases, ask what qualifications you have to write on the article..." (http://web.archive.org/web/20030801121917/www.nupedia.com/write.shtml (06.12.08). Wikipedia sollte ursprünglich lediglich eine Vorstufe für Beiträge in Nupedia sein. Einige Beiträge, die bei Wikipedia verfasst wurden, sollten nach eingehender Prüfung und dem Durchlaufen bürokratischer Formalitäten bei Nupedia eingestellt werden.

Die Zahl der verfassten Artikel auf Wikipedia übertraf jedoch schon nach kurzer Zeit die der Nupedia. Bereits im ersten Monat wurden ca. 600 Artikel (vgl. http://features.slashdot.org/article.pl?sid=05/04/18/164213&tid=95&tid=149&tid=9) online gestellt. In den folgenden Jahren stieg die Zahl der verfassten Artikel sowie die der registrierten Mitglieder stetig rapide an. Nicht zuletzt aufgrund des Erfolges Wikipedias wurde das Projekt Nupedia im September 2003 eingestellt, die Domain Nupedia.com wurde ebenfalls abgeschalltet und ist demnach nicht länger erreichbar (unter http://web.archive.org/web/20030730063941/www.nupedia.com/ ist jedoch eine archivierte Version der Website noch immer zugänglich).

Simultan zur Verbreitung der englischen Version Wikipedias entwickelten sich mit ähnlichem Erfolg Versionen der Plattform in verschiedensten Sprachen. Heute existieren Wikipedia-Plattformen in ca. 250 Sprachen, wovon die englische Sprachversion mit aktuell 2.648.704 Artikeln und 8.448.845 registrierten Mitgliedern (vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Special:Statistics (06.12.08)) die umfangreichste der Wikipedia-Plattformen ist. Die deutsche Sprachversion stellt mit 834.658 Artikeln und 659.304 registrierten Benutzern (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:Statistik) die zweitgrößte Version dar (vgl. Abb. 1).

Fehler beim Erstellen des Vorschaubildes: /bin/bash: /usr/bin/convert: No such file or directory

Error code: 127
Abbildung 1: Graphische Darstellung des Wachstum der Artikelzahlen der fünf größten Sprachversionen Wikipedias (Stand 31. Okt. 2008, Quelle:http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b5/Entwicklung_der_Artikelanzahlen_der_fünf_größten_Wikipedias.png)g

Fazit

Aus den beschriebenen Beobachtungen allgemeine Schlüsse zu ziehen scheint unmöglich. Es können jedoch Spekulationen über Faktoren, die die Verbreitung Wikipedias positiv beeinflusst haben, angestellt werden. So sei darauf verwiesen, dass es sich bei den hier beschriebenen Verbreitungsfaktoren lediglich um Beobachtungen handelt. Diese Beobachtungen entbehren einer empirischen Grundlage und können deshalb nicht als gültige Tatsachen aufgefasst werden.

Das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Produzenten und Rezipienten ist im heutigen Web 2.0 weitgehend aufgelöst. Der Rezipient ist sein eigener Produzent geworden. Marshall McLuhan erkannte diesen Trend bereits 1972, als er in seinem Buch "Take today" den Begriff des Prosumers einführte (vgl. McLuhan, Marshall: Take today; the executive as dropout, New York: Harcourt Brace Jovanovich 1972). Nicht nur Wikipedia kann beispielhaft zur Erkärung des Begriffes genannt werden, auch Foren, Blogs, Social Networksites (wie bspw. Facebook), Onlinecomputerspiele und weitere können mit dem Begriff in Verbindung gebracht werden. Dieser Umstand hängt u.a. mit den Eigenschafften des (tertiären) Mediums Computer zusammen und ist eine logische Folge aus dessen Potenzial - ein Fernseher oder ein Buch bieten nicht die Möglichkeit der aktiven Einflussnahme auf Inhalte (abgesehen von einer Rezipientenbeteiligung, die nur ein geringes Maß an Einflussnahme des Konsumenten auf Inhalte zulässt).

Somit kann die Verbreitung des Internets und damit verbunden besonders die Möglichkeit einer einfachen, unkomplizierten Beteiligung des Nutzers an der Produktion von Inhalten als ein erster Faktor, der den Erfolg Wikipedias beeinflusste und überhaupt erst ermöglichte, gelten. Es sei an dieser Stelle noch einmal auf die Funktionsweise des Wiki-Prinzips und die Anwendung dieses (beinahe uneingeschränkte Möglichkeit der Mitarbeit) bei Wikipedia hingewiesen.

Ein weiterer Verbreitungsfaktor kann im hierarchischen Aufbau Wikipedias gesehen werden. Da die Mitarbeit am Projekt Voraussetzung für einen Aufstieg in der virtuellen Gesellschaft Wikipedias ist, wird deutlich, dass eben dieser Aufbau der hierarchischen Struktur Wikipedias eine zusätzliche Motivation darstellt, sich am Projekt zu beteiligen - denn auch im Web 2.0 gilt: "Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegenüber Widerstreben durchzusetzen, gleichwohl worauf diese Chance beruht" (Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft). Wikipedia ist nicht ausschließlich eine Enzyklopädie, die Plattform umfasst auch soziale Strukturen - ein weiterer Verbreitungsfaktor. So sollte es nicht verwundern, dass die Welt von Wikipedia keine von einander isolierten Enzyklopädisten, sondern eine Community von Wikipedianern umfasst.

Der (vorerst) letzte und wahrscheinlich wichtigste Verbreitungsfaktor, der hier genannt werden soll, ist ebenso der simpelste: Wikipedia ist ebenso unkompliziert zu benutzen wie zu bearbeiten. Im Zeitalter des kabellosen Internets kann von beinahe überall kostenlos und wenig zeitaufwendig auf eine Enzyklopädie zugegriffen werden, die zwar qualitativ nicht über jeden Zweifel erhaben sein mag, jedoch quantitativ die gesammte Konkurenz in gedruckter Form übertrifft.