Geschichte schreiben in digitalen Zeiten

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Sechs Stichworte, welche das Schreiben der Geschichte im digitalen Zeitalter beschäftigen werden - oder beschäftigen sollten

Informationskompetenz

In Zukunft wird es nicht mehr genügen, sich mit Bibliothekskatalogen, Google und einigen Fachverzeichnissen auszukennen. Digitale Historikerinnen und Historiker werden sich in analogen ebenso wie in digitalen Informationsräumen zurechtfinden müssen und vor allem die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Informationssysteme kennen müssen. Dies aber bedingt, dass sie die Funktionsweise dieser Instrumente kennen, sich über die wirtschaftlichen Zusammenhänge des Informationsmarktes im Klaren sind und dass sie vor allem bereit sind, sich den dauernd verändernden Bedingungen anzupassen. Permanente Weiterbildung wird zumindest in diesem Bereich auch für Historiker eine Selbstverständlichkeit werden müssen.

Offen scheint noch die Frage, wer für die Vermittlung von Informationskompetenz zuständig sein soll. Sind es die Bibliothekare, wie heute gerne postuliert wird? Sind es die Fachverbände, denen allerdings die Mittel und Strukturen fehlen? Oder wird es Sache jedes einzelnen bleiben, sich über die aktuellen Entwicklungen schlau zu machen? Vermutlich werden wir Mischformen haben, entscheidend scheint mir aber zu sein, dass die Vermittlung von Informationskompetenz sehr gezielt auf die Bedürfnisse der einzelnen Fächer ausgerichtet sein muss. Zentralistische Lösungen, in denen ausschliesslich Bibliotheken oder gar Rechenzentren diese Aufgaben übernehmen, werden vermutlich wenig Sinn machen.

Quellenkritik

Die Quellenkritik sieht sich im digitalen Kontext ganz neuen Herausforderungen gegenüber. Noch ist eine «Quellenkritik des Digitalen» ein Desiderat. Offensichtlich ist nur, dass Handlungsbedarf besteht, sowohl auf der curricularen Ebene als auch forschungsmässig. In den 1960er und 1970er Jahren gab es Versuche, eine neue historische Hilfswissenschaft zu begründen, die sich mit der elektronischen Datenverarbeitung in der Geschichtswissenschaft hätte beschäftigen sollen. Die Versuche scheiterten, eine solche Hilfswissenschaft ist nie entstanden. Heute, mehrere Jahrezehnte und zahlreiche technologische Entwicklungen später, stellt sich die Frage, ob die Geschichtswissenschaft eine «Hilfswissenschaft des Digitalen» braucht.

Heute, mehrere Jahrezehnte und zahlreiche technologische Entwicklungen später, stellt sich die Frage, ob die Geschichtswissenschaft eine «Hilfswissenschaft des Digitalen» braucht. Die im Nachgang zu Droysen entstandenen historischen Hilfswissenschaften wie die Paläographie, die Heraldik, die Diplomatik, die Sphragistik oder die Numismatik haben ihre Legitimation aus der Anwendung der Quellenkritik auf einzelne Quellengattungen bezogen und sich dabei auf die je eigenen Medialitäten ihrer Objekte konzentriert. Reicht im Kontex des digitale Wandels aber eine neue Hifswissenschaft aus oder sind nicht vielmehr breitere, methodologisch fundierte Grundsatzdiskussionen über Selbstverständlichkeiten (und Selbstverständnis) der Geschichtswissenschaft und der Geschichtsforschung nötig?

Visualisierung

Geschichtswissenschaft ist eine Textwissenschaft und es ist nicht anzunehmen, dass sich die grundsätzlich ändern wird. Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter wird die multimedialen Möglichkeiten digitaler Medien intensiver nutzen als bisher und dabei sehr stark auf die Visualisierung historischer Zusammenhänge und Verläufe setzen. Zu denken ist dabei an historische Karten, die mit Zeitleisten kombiniert und mit weiteren Elementen angereichert werden können.

Visualisierungen werden auch notwendig sein, um ein Publikum zu erreichen, das an Geschichte interessiert ist, aber nicht unbedingt schwere Bücher wälzen möchte. Insbesondere im Bereich des historischen Sachbuches werden neue Darstellungsformen gefragt sein, die sich an den Sehgewohnheiten digitaler Medien orientieren und trotzdem die Informationsdichte und argumentative Schärfe anspruchsvoller historischer Texte erreichen sollen. Hier wird es eine enge Koopeation zwischen Historikern, visuellen Gestaltern und je nach dem mit Webdesignern geben müssen, um zu befriedigenden Ergebnissen zu kommen.

Collaboratory

Gemeint ist mit diesem Stichwort der Umstand, dass in der Digitalen Geschichtswissenschaft nicht mehr ausschliesslich individuell geforscht und monoauktorial geschrieben wird, sondern dass immer mehr Arbeitsprozesse mit digitalen Netztechnologien und in Teams erledigt werden. Gemeint ist damit aber nicht, dass das monoauktoriale Buch verschwinden wird. Und auch nicht, dass in Zukunft keine Aufsätze und Berichte mehr von einem Autor alleine verantwortet werden. Aber es wird immer mehr Situationen geben, in denen in kleinen Teams oder in Netzwerken an Texten geschrieben wird. Das können Zwischenberichte sein, Anträge oder Kursunterlagen, aber auch Sammelbände und andere Publikationsformen.

Diese Arbeitsprozesse werde nur möglich sein, wenn entsprechende Tools im Netz zur Verfügung stehen werden. Heute müssen wir auf private Angebote wie Google Docs ausweichen, wo weder die rechtlichen Fragen über Datenschutz und Urheberrecht befriedigend geklärt sind, noch die Langzeitverfügbarkeit der Daten und Dienste gewährleistet ist. Hier besteht eine offensichtliche Lücke, die von den Universitäten bald geschlossen werden muss. So wie es heute selbstverständlich ist, dass jeder Universitätsangehörige – Dozierende ebenso wie Studierende – ein E-Mail-Konto erhält, sollte dies auch bei Online-Speicher und kollaborativen Arbeitsinstrumenten der Fall sein. Es scheint unumgänglich, dass für solche Dienste «trusted resources» verwendet werden, die für Stabilität, Sicherheit und rechtlichen Schutz der eigenen Daten garantieren. Mit Google Docs lässt sich wunderbar experimentieren, doch für den ernsthaften Einsatz solcher Tools müssen die anerkannten Wissenschaftsinstitutionen einen Beitrag leisten.

Publikationskultur

Neben der gedruckten monoauktorialen Monographie werden sich neue Publikationskulturen entwickeln, die den Grundsätzen von Open Access und Open Peer Review folgen. Die Geschichtswissenschaft wird sich mit diesem Thema auseinandersetzen müssen, damit die spezifischen Bedürfnisse und Traditionen unseres Faches Eingang in diese neuen Publikationsformen finden können.

Teil dieser neuen Publikationskultur werden auch ganz neue Formen von «Publikation» sein. Zu denken ist dabei an Weblogs, in denen schon heute vereinzelt Fachdiskussionen geführt werden. Oder an Publikationen, die stärker als bisher mit Bild, Ton und Video arbeiten werden und deshalb von vorneherein auf digitale Publikationsformen angewiesen sein werden. Alle diese Formen werden – mit wenigen Ausnahmen – nicht die bestehenden Publikationskanäle verdrängen, sondern sie ergänzen. Zu diesen Ausnahmen gehören Rezensionen in gedruckten Zeitschriften und vermutlich die grosse Masse der Dissertationen, die heute dank Druckkostenzuschüssen im Druck erscheinen.

Digitaler Schreibtisch

Die Arbeitsrealität des Historikers heute sieht so aus, dass er zum einen analoge und digitale Techniken kombinieren muss – ein Umstand, der sich auch kaum ändern wird, denn die Verheissungen eines allwissenden Netzes, das uns Google dauernd suggeriert, wird immer ein Phantasma bleiben. Die Geschichtswissenschaft wird immer auch analog arbeiten, aber immer mehr Arbeitsschritte werden von digitalen Hilfsmitteln unterstützt.

Und da besteht ein grosses Potential: Die Welt der digitalen Tools und Ressourcen ist heute unüberblickbar und einem dauernden Wandel unterworfen. Das mag für eine kleine Minderheit von Freaks unter den Historikern faszinierend sein – die meisten Historikerinnen und Historiker interessieren sich nicht für die Technik hinter diesen Tools, sie wollen zuverlässige Hilfsmittel, mit denen sie problemlos arbeiten können.

Die nächste grosse Aufgabe in den kommenden Jahren wird deshalb sein, digitale Arbeitsumgebungen zu entwickeln, die aus der Vielfalt der Möglichkeiten ein Set von nützlichen Angeboten zusammenstellen. Es sind einige Initiativen in diese Richtung angelaufen und man darf auf die Ergebnisse gespannt sein.