Geschichtskultur Internet und Unterricht

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Thesen

Geschichtskultur

  • Geschichtskultur ist Ergebnis sozialer Praxis, mithin ein soziales Konstrukt (Berger/Luckmann 1968, bzw. Schönemann 2000)
  • Die Unterteilung der Geschichtskultur von Rüsen (1994) in Politik, Ästhetik, Kognition weist nicht Domänen aus (denen geschichtskulturelle Phänomene zugewiesen könnten), sondern Dimensionen (die geschichtskulturellen Phänomenen in unterschiedlicher Ausprägung innewohnen).
  • Geschichtsunterricht ist Teil der Geschichtskultur. Was wir "gemeinhin" als dem Geschichtsunterricht gegenübergestellte "Geschichtskultur" bezeichnen, sind Ausprägungen populärer (also nicht wissenschaftlich oder/und didaktisch begründeter) Formen der Auseinandersetzung mit Vergangenheit.

Medien

  • Medien sind für den Geschichtsunterricht in zweifacher Hinsicht bedeutsam: Als Unterrichtsmedien und als Medien historischer Erkenntnis ("Quellen"/Darstellungen). In der Praxis lassen sich diese Funktionen nicht immer klar trennen. Es handelt sich aber um zwei verschiedene Funktionen. Unterrichtsmedien folgen der Logik der Unterrichtsmethodik; Geschichtsmedien folgen der Logik historischer Erkenntnis.
  • „Ohne Medien findet kein historisches Lernen statt“ (Günther-Arndt 2007, 18). Vergangenheit und Geschichte sind „nirgends direkt, sondern nur über Medien zugänglich“ (Pandel 1997, 416) – wenngleich aus verschiedenen Gründen. Vergangene Sachverhalte werden in der Gegenwart – sieht man von persönlichen Erinnerungen ab ‐ durch Quellen medial repräsentiert. Und Geschichte als „rückblickend vorgenommene narrative Konstruktion“ (Pandel 1997, 416) kann nur durch Medien mitgeteilt und einer intersubjektiven Überprüfung und Aushandlung zugeführt werden.
  • Der geschichtskulturelle Diskurs bestimmt, was als "Quelle" gilt (Objekt, Text, Bild, Tradition, Umwelt) und wie Quellen im Hinblick auf historische Erkenntnis ausgewertet oder in historischen Lernprozessen (z.B. im Unterricht) eingesetzt werden.
  • Medien transportieren oder speichern Inhalte nicht neutral. Die „mediale Rahmung“ (Crivellari et al 2004, McLuhan 1968) prägen immer auch den transportierten oder gespeicherten Inhalt. Medienbewusste Analyse ist also nicht nur bei der Rezeption von Bedeutung, sondern muss die Entstehungsbedingungen (und die Rolle der Medien) mitberücksichtigen.
  • "Medien" umfassen nicht nur Medien-Techniken (Fotoapparat) und die damit erstellten Produkte (Fotografie), sondern auch gesellschaftliche Praktiken ihrer Verwendung (Fotoalben/Pressefotos/Facebook-Fotos)
  • Computer (und erst recht das Internet als Vernetzung von Computern) sind "Meta-Medien": "Is the computer a car to be driven or an essay to be written? Most of the confusion comes from trying to resolve the question at th is level. The protean nature of the computer is such that it can act like a machine or like a language to be shaped a nd exploited. It is a medium that can dynamically simulate the details of any other medium, including media that cannot exist physically. It is not a tool, although it can act like many tools. It is the first metamedium, and as such it has degrees of freedom for representation and expression never before encountered and as yet barely investigated. Even more important, it is fun, and therefore intrinsically worth doing." (Kay 1984, 59) - Als Metamedien sind Computer nicht nur flexibel - sie können auch "Spass" machen (-> Ästhetik)

Unterricht

  • Unterricht wird verstanden als komplexes Arrangement von Angebot, Nutzung und intervenierenden Rahmenbedingungen (Reusser/Pauli/Waldis 2010, Helmke 2003): Identifiziert werden verschiedene Ebenen (System/Gesellschaft, Schule/Familie, Klasse/Individuum) und verschiedene Faktoren, die Nutzung und Angebot prägen (z.B. Einstellungen, Kenntnisse, Fähigkeiten von Lehrpersonen und Schüler/innen, aber auch Vorstellungen von Gesellschaft über Unterricht.
  • Unterricht ist, als soziale Praxis, kulturell geprägt. Die Vorstellung von Unterricht als technisch-methodische Verrichtung ist selbst Ausdruck eines kulturell bedingten, bzw. konstruierten Verständnisses von angeleiteten institutionellen Lernvorgängen.
  • Unterricht ist eingebunden in gesellschaftliche Formen der Verständigung, der Sozialisation, des Erwerbs von Wissen und Fähigkeiten.
  • Dies gilt besonders auch für den Geschichtsunterricht, der immer in Verbindung oder gar Konkurrenz steht zu anderen Ausprägungen der Geschichtskultur.
  • Das Internet in seiner geschichtskulturellen, metamedial geprägten Funktion innerhalb unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit akzentuiert diese Verbindung, bzw. Konkurrenz.

Schüler/innen

  • ...sind klüger, als man denkt.
  • ...tun, was man ihnen sagt.
  • ...machen, was nötig ist.
  • «Schülerin: Kann schon sein, aber irgendwie, ich glaub-es ist halt einfach der einfachste Weg, also darum mach ich es und deshalb höre ich auch nicht auf das was der Lehr- also, nicht auf das was der Lehrer sagt: klar passt man manchmal auf, aber man macht dann ja auch, geht dann eben auch auf andere Seiten um genau zu schauen, schreiben die das Gleiche oder schreiben die total etwas anderes, und dann merkt man es ja auch.» (...) «Ich habe noch nie, also ich habe noch nie irgendwie, dass ich da bei Wikipedia das Gefühl gehabt habe, das sei Mist, was die da geschrieben haben.»

(15:32-16:25) (Schülerin ID 10, 2007)

Links

TwitterHistory

Einsatzmöglichkeiten von Twitter im Unterricht: [TwHistory]

Blog-Post von Jan Hodel zu Sinn und Unsinn von TwitterHistory: [Geschichte wittern]

Hitler-Rants und Co.

Hitler et al. in der Populärkultur

Hitler rants

Youtube


Facebook

Blogs

Wikipedia

Zeitzeugen & Zeitgeschichte


...und das auch noch

Erfundene Geschichte

Interessant ist der Versuch des amerikanischen Geschichtsdozenten Mills T. Kelly, der in einem Seminar durch seine Studierenden eine erfundene Biographie in Wikipedia einstellen liess. Vgl. hierzu den Blog-Post von Jan Hodel: [Der letzte Pirat]

Geocaching

Die Grenzen, was alles machbar und denkbar ist, sind schwer zu ziehen: Ein schönes Beispiel, wie weit dieser Themenkomplex gefasst werden kann sieht man im Blogpost von Daniel Bernsen: [Geocaching als Teil der Geschichtskultur].

Literatur

  • Berger, Peter L.; Luckmann, Thomas: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt a.M 2009 (deutsche Erstausgabe 1969).
  • Crivellari, Fabio; Kirchmann, Kay; Sandl, Marcus; Schlögl, Rudolf: Einleitung. In: ders. (Hg.): Die Medien der Geschichte. Historizität und Medialität in interdisziplinärer Perspektive, Konstanz 2004, S. 9-45.
  • Crivellari, Fabio; Sandl, Marcus: Die Medialität der Geschichte. Forschungsstand und Perspektiven einer interdisziplinären Zusammenarbeit von Geschichts- und Medienwissenschaften. In: Historische Zeitschrift 277 (2003), S. 619-654.
  • Günther-Arndt, Hilke: Umrisse einer Geschichtsmethodik. In: dies. (Hg.): Geschichts-Methodik. Handbuch für die Sekundarstufe I und II, Berlin 2007, S. 9-24.
  • Helmke, Andreas: Unterrichtsqualität. Erfassen, bewerten, verbessern, Seelze 2003.
  • Hodel, Jan: Wikipedia und Geschichtslernen. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 2012, (im Druck).
  • Hodel, Jan: Das Internet und die Zeitgeschichtsdidaktik. In: Furrer, Markus; Messmer, Kurt (Hg.): Handbuch der Zeitgeschichtsdidaktik, Schwalbach/Ts 2012, (im Druck).
  • Kay, Alan: Computer Software. In: Scientific American 251 (1984), Nr. 3, S. 53-59.
  • McLuhan, Marshall: Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters, Düsseldorf 1968.
  • Pandel, Hans-Jürgen: Medien historischen Lernens. In: Bergmann, Klaus; et al. (Hg.): Handbuch der Geschichtsdidaktik, Seelze-Velber 1997, S. 416-421.
  • Reusser, Kurt; Pauli, Christine; Waldis, Monika (Hg.): Unterrichtsgestaltung und Unterrichtsqualität. Ergebnisse einer internationalen und schweizerischen Videostudie zum Mathematikunterricht, Münster 2010.
  • Rüsen, Jörn: Was ist Geschichtskultur? Überlegungen zu einer neuen Art über Geschichte nachzudenken. In: ders.; Füssmann, Klaus; Grütter, Heinrich Theodor (Hg.): Historische Faszination. Geschichtskultur heute, Köln 1994, S. 3-26.
  • Schönemann, Bernd: Geschichtsdidaktik und Geschichtskultur. In: Mütter, Bernd; Jacobmeyer, Wolfgang (Hg.): Geschichtskultur. Theorie - Empirie - Pragmatik, Weinheim 2000, S. 26-58.