Hendrik Kruse

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Hendrik Kruse ist Student der Rechts- und Medienwissenschaften an der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel.


Wikipedistik

Arbeitsprotokolle

22.09.2008

Einblick in die Funktionsweise von Wikipedia sowie in die Editiermöglichkeiten von Artikeln anhand eines Beispielartikels. Mein gewählter Aktikel betrifft die Universität Basel.

Entwicklung der Seite

  • Aktuelle Version zuletzt geändert am 20.08.2008
  • Erste Version vom 27.08.2008
  • Seit dem Anlegen der Seite gab es ca. 200 verschiedene Versionen
  • Werbelink wurde entfernt: [1]

Diskussion

Der Artikel über die Universität Basel wurde nicht sehr viel diskutiert. Neben der Streichung einer Formulierung über die Bologna-Reform enthält die Diskussionsübersicht nur kleine Korrekturvorschläge betreffend Rechtschreibung und Bilderauswahl. --

06.10.2008

Ich habe mich in den vergangenen Tagen weiter mit dem Thema "collaborative writing" beschäftigt und bin dabei auf verschiedene Themen gekommen:

  • collaborative writing als Mittel zur Marketing- und Salesoptimierung in sog. CRM-Software
  • collaborative writing zur schnellen Informationssammlung und -auswertung für Geheimdienste. Hier bin ich auf Intellipedia gestossen, welches ebenfalls die MediaWiki-Software verwendet. Dort wird jedoch entgegen des Wikipedia-Codex ausdrücklich auf einen neutralen Standpunkt des Autors verzichtet, um so möglichst viele Standpunkte einfliessen zu lassen, aus welchen ein Konsens gebildet werden kann
  • Schwachpunkte des collaborative writing am Beispiel "Wikiality": Die Mehrheitsverhältnisse in Wikipedia entscheiden darüber, ob eine Information wahr oder falsch ist. Es entsteht auf diese Weise eine Realität, die sich auf den Konsens der Autoren und Administratoren gründet, aber nicht primär auf überprüfbaren Fakten. Siehe hierzu: [2]

20.10.2008

Ich möchte mich tiefer mit dem Begriff "Wikiality" und der dahinter stehenden Kritik an Wikipedia beschäftigen. Wie bereits erwähnt ist mit "Wikiality" der Prozess bezeichnet, in dem die Mehrheit oder eine dominantere Interessengruppe über die Manifestation von Aussagen in Wikipedia und damit über Wirklichkeitsbildung entscheidet.

Zur Verdeutlichung der These wurde im US-Fernsehen ein Aufruf gestartet, den Wikipedia-Artikel über Elefanten durch die Behauptung abzuändern, die Elefantenpopulation habe sich in den letzten 6 Monaten verdreifacht. Zahlreiche Nutzer folgten diesem Aufruf und schliesslich mussten ca. 20 Artikel über Elefanten gesperrt werden, um weiteren Schaden abzuwehren. Darunter befand sich auch der deutschsprachige Artikel: Diskussion:Elefanten

Diese Manipulation ist für Unwissende recht klar zu erkennen - es gibt aber häufig weniger klar erkennbare "Korrekturen" von Wikipedia-Artikeln mit dem Ziel der langfristigen interessengebundenen Meinungsbildung.

Als Beispiele dafür können zunächst nur Änderungen an Wiki-Einträgen dienen, deren Tendenziösität erkennbar oder aufgrund allgemein zugänglicher Informationsquellen prüfbar ist.

  • So wurden etwa im Wiki-Artikel über den US-Kongressabgeordneten Marty Meehan diejenigen Wahlversprechen, die er gebrochen hatte, kurzerhand von seinen Mitarbeitern aus dem Artikel entfernt [3].
  • Ein weiteres Beispiel ist das deutsche "Problem-Atomkraftwerk" Biblis. Hier haben in der Vergangenheit mehrere Störungen das Vertrauen der Bevölkerung in die Sicherheit des Kraftwerkes geschädigt. Eine Änderung des deutschen Wikipedia-Artikels ("Das Kraftwerk Biblis ist ein Meilenstein in puncto Sicherheit") konnte anhand der IP-Adresse dem Netzwerk des Stromkonzernes und Kraftwerkeigners RWE zugeordnet werden [4].
  • Der US-Handelskonzern Wal Mart nutzt Wikipedia ebenfalls für Imagebildende Massnahmen. Als die schlechten Arbeitsbedingungen sowie die unterdurchschnittliche Bezahlung der Wal Mart-Mitarbeiter in den USA bekannt wurde, wurde der Wiki-Eintrag zum Unternehmen editiert. Plötzlich war die Information zu lesen, die Mitarbeiter erhielten "im Schnitt etwa das Doppelte des gesetzlichen Mindestlohns". Diese Aussage ist zutreffend, wenn man alle ausgezahlten Gehälter, also auch die Managergehälter addiert und durch die Gesamtmitarbeiterzahl teilt [5]. Ein Jahr später verkündete das Unternehmen eine Gehaltskürzung für alle Angestellten [6].

Das Tool Wikiscanner ermöglicht diese nachträgliche Zuordnung der IP-Adresse zur getätigten Änderung auf Wikipedia. Dieses Tool bietet jedoch keinen verlässlichen Schutz vor Fehlinformation, da die Einträge künftig einfach über private IP-Adressen editiert werden können und so dahinterstehende Interessengruppen oder Unternehmen nicht identifiziert werden können.

Siehe auch: Damnatio Memoriae, Medienmanipulation, Sprachmanipulation

10.11.08

In der Zwischenzeit habe ich untersucht, ob die Versuche der interessengebundenen Wahrheitsbildung auch in Lexika zu beobachten war, also vor der Wikipedia-Zeit.

Da man nicht ganz offensichtliche Manipulationen oder Wahrheitsbeugungen am Besten im Vergleich mit einer anderen Quelle entdecken kann, habe ich mich zunächst auf Schulbücher in der DDR konzentriert. Besonders die Wertungen im Zusammenhang mit der Marktwirtschaft unterscheiden sich stark von den unseren, unterlagen jedoch staatlicher Zensur. Dies stellt den wie ich finde grossen Unterschied zu Wikipedia dar. Fundamentale Meinungsbildung funktionierte früher eigentlich nur durch staatliches Zutun (Propaganda, Zensur, Berufsverbot). Als private Interessengruppe war solch eine Meinungsbildung nur mit erheblichem Aufwand realisierbar, so etwa durch den Kauf eigener Zeitungen oder TV-Stationen als Träger der zu propagierenden Meinungen (vergl. Kronenzeitung[7]+ [8], Bild-Zeitung [9], Fox News [10]).

Wikipedia jedoch erlaubt es aufgrund seines Prinzips, jede Person Einträge erstellen oder editieren zu lassen. Und damit unterscheidet sich Wikipedia von staatlicher Zensur und öffentlicher Meinungsbildung durch Interessengruppen (PR).

Pauschal könnte man sagen, dass überall, wo Erkenntnisse als Tatsachen manifestiert werden (also Lexika, Lehrbücher, Nachschlagewerke i.W.S.), die Gefahr der Manipulation besteht.

  • bücher / verlage sind institutionen - lexika müssen durch objektivität bestechen - qualität = marktbestehen
  • öffentliche meinung über klassische massenmedien durch politik, pr+wirtschaft & lobbyisten beeinflussen = nach wie vor existent. diese meinungen finden mangels relevanz meist keinen einzug in seriöse lexika und fachliteratur
  • einflussnahme auf wiki-artikel jederzeit durch jeden möglich - wikipedia verliert in bestimmten gebieten (politik, unternehmenskommunikation, wirtschaft - globalisierung...) an referenzqualität, denn wer im tv/zeitung kolportierte meinungen überprüfen will, greift aufgrund der aktualität der informationen auf wikipedia zurück, wo gute pr-berater parallel oder im vorfeld der pressearbeit entsprechende "tatsachen" geschaffen haben werden.

ergo: historisch und gesellschaftlich akzeptierte und überprüfbare Themen werden auf Wikipedia wenig Möglichkeit zur Manipulation bieten, aktuelle und künftige Themen aus allen relevanten Bereichen jedoch schon. Diese neuen Informationen finden dank Nutzung von Wikipedia als Referenz für Journalismus und Alltagswissen Einzug in die öffentliche Meinung und damit langfristig auch Einzug in Qualitätsliteratur.

Meine Ergebnisse werde von ich von nun an im Artikel Wikiality zusammentragen.