HistCollaboratory Konzept

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Die Erkenntnisse und Überlegungen, die bei der Analyse des Zusammenhangs von ICT-gestütztem kollaborativen Schreiben und historischer Online-Kompetenz gewonnen wurden, fliessen in den folgenden Vorschlag für ein hist.collaboratory ein. Das hist.collaboratory setzt sich zum Ziel, die Autor/innen (sei es als Wreader oder als Kollaborative Schreiber/innen) und die Prozesse des "Lesens", "Schreibens" und "Redens" sichtbar zu machen. Das hist.collaboratory ist dabei nicht auf eine bestimmte technische Plattform zugeschnitten.


Transparenz

Eine Chance ICT-gestützter Formen des kollaborativen Schreibens, besonders der Wikis, ist die Möglichkeit, den Prozess des Lesens und des Schreibens transparent zu machen. Damit lässt sich (wie Baumgartner es für die Lehre anhand des Beispiels der Weblogs aufzeigt (1)), dieser Prozess sowohl von den Autor/innen selbst als auch von Dritten besser analysieren. Dies kann auch für das nicht-kollaborative Abfassen eines linearen Textes von Nutzen sein. Besonders nützlich und aufschlussreich wird diese Abbildung des Prozesses aber bei der kollaborativen Erstellung von non-linearen Texten. Die Entstehung des gemeinschaftlichen Hypertextes kann damit zum Gegenstand des "Lesens", "Schreibens" und "Redens" (vgl. Historische Online Kompetenz) gemacht werden, zum Gegenstand von Analyse, Synthese und vor allem der Reflexion und Auseinandersetzung.

In hist.collaboratory sollte es , wie in Wikis üblich, möglich sein, frühere Versionen jeder Informationseinheit zu archivieren und die Veränderungen zwischen diesen Versionen darzustellen. Es sollte überdies möglich sein, seine eigenen Lesepfade (auch durch fremde Texte) abzuspeichern und auf Wunsch in hist.collaboratory zu veröffentlichen. Damit könnte die Art der Wissensaneignung, das Wreading durch selektive Rezeption, abgebildet, festgehalten und allenfalls zur Diskussion gestellt werden. Diese explizit gemachten individuellen Lesepfade sind dabei zu unterscheiden von Softlinks. Damit sind Links gemeint, welche die Software aufgrund des Verhaltens der Nutzer/innen erstellt, und die zu einer Verlinkung zwischen Informationseinheiten führt, die durch das Verhalten der Nutzer/innen beim Anklicken von Links beeinflusst und verändert wird (vgl. Social Software). Auch Softlinks können ein interessantes Hilfsmittel in hist.collaboratory sein. Dafür müssten auch sie archiviert werden können, um sie der Analyse und Reflektion zugänglich zu machen.

Für die Reflexion sollte hist.collaboratory nicht nur über Kommentarfunktionen (innerhalb der Informationseinheiten) und Diskussionsseiten (zu den Informationseinheiten, wie etwas in MediaWiki, bzw. in Wikipedia) verfügen, sondern auch Auseinandersetzungen über Darstellungszusammenhänge und Deutungen (zum Beispiel Lesepfade und die damit verbundenen Aussagen) ermöglichen.

Kombination

hist.collaboratory sollte auch eine Kombination von Fakten- und Deutungsebene ermöglichen. Voraussetzung dafür ist aber auch eine Verständigung darüber, dass eine Unterscheidung in faktenorientierte und deutungsorientierte Informationseinheiten in einem geschichtswissenschaftlichen Hypertext sinnvoll ist. Die Informationseinheiten sind dann entsprechend von den Autor/innen unterschiedlich zu kennzeichnen - und entsprechend unterschiedlich kollaborativ bearbeiten und in Hypertexte einbinden. Verschiedenen Deutungen könnten so auf die gleichen faktenorientierten Informationseinheiten zurückgreifen (in diesem Text beispielsweise die Einheiten zu ICT oder zu Social Software). In diesen könnte aber auch auf die unterschiedliche Deutungszusammenhänge verwiesen werden, welche diese faktenorientierten Informationseinheiten benutzten. Mögen die deutenden Informationseinheiten jeweils von unterschiedlichen, einzelnen Autor/innen erstellt worden sein, so ergeben sie dennoch einen kollaborativ erstellen Hypertext.

Varianten

hist.collaboratory sollte auch Varianten ermöglichen: sowohl bei den Lesepfaden wie bei den Informationseinheiten. So ist es denkbar, dass verschiedene Autor/innen von ihren deutungsorientierten Informationseinheiten auf gleiche, von allen Mitwirkenden des hist.collaboratory gutgeheissene faktenorientierte Informationseinheiten verweisen. Es könnten auch unterschiedliche faktenorienterte Informationseinheiten erstellt werden (zum Beispiel Digitale Medien oder ICT Variante ergänzend zu ICT). Damit wird hist.collaboratory flexibler für die Darstellung spezifischer Sichtweisen und ermöglicht die Koexistenz verschiedener Gruppen, die unterschiedliche methodische Ansätze, geschichtstheoretische Überzeugungen oder thematische Interessen vertreten. Die Beiträge in hist.collaboratory müssen sich dann weniger an enzyklopädischen Vorbildern orientieren. So können auch eher die von Wikipedia bekannten Edit-Wars vermieden werden.

Dialoge

In hist.collaboratory soll auch zu dialogischem Schreiben ermutigt werden. Dialogisches Schreiben bezeichnet dabei das Austauschen von Argumenten, das Entwickeln von Fragestellungen und Themenbereichen oder die Darstellung und Erörterung von Forschungsresultaten von zwei oder mehr Autor/innen. Dabei stellen diese ihre Ansichten wechselseitig vor und berücksichtigen dabei die von den Partner/innen vorgebrachten Äusserungen. Ähnliche Prozesse finden vermutlich bereits im e-Mail-Verkehr statt, doch werden dies kaum je öffentlich. Eine Ausnahme bildet der Beitrag von Monica Kalt und Jan Hodel aus dem Jahr 1997, der in in Form eines e-Mail-Wechsels publiziert wurde, in Tat und Wahrheit jedoch als Word-File entstand, das per e-mail zwischen den Autor/innen hin- und hergeschickt wurde (3). In hist.collaboratory könnte dialogisches Schreiben ganz unterschiedlich ausgestaltet sein: Eine Mitschrift eines Messenger-Chats, eine Abfolge von Blog-Beiträgen, aufeinander Bezug nehmende Informationseinheiten, bzw. Artikel in einem Wiki oder ganze Hyper-Text-Bereiche.

Wissensaneignung

hist.collaboratory könnte somit für verschiedene Formen der Wissens-Aneignung genutzt werden (nach Fischer (1)):

  • kognitive Elaboration,
  • situiertes Lernen,
  • argumentativer Diskurs,
  • kollektive Informationsverarbeitung.

Literatur

  1. Fischer, Frank: Gemeinsame Wissenskonstruktion – Theoretische und methodologische Aspekte (Forschungsbericht Nr. 142). Ludwig-Maximilians-Universität, Lehrstuhl für Empirische Pädagogik und Pädagogische Psychologie, München: LMU 2001 (http://epub.ub.uni-muenchen.de/archive/00000250/ [Zugriff 1.2.2006])
  2. Baumgartner, Peter: Eine neue Lernkultur entwickeln: kompetenzbasierte Ausbildung mit Blogs und E-Portfolios, 2006 (http://www.educa.ch/dyn/bin/131141-131143-1-eportfoliodeutsch.pdf [Zugriff 6.2.2006])
  3. Hodel, Jan; Kalt, Monica: Umweltgeschichte Revisited, in: Traverse 1997/2, S. 13-30.



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