Kann man ein e-Book lieb gewinnen? Umberto Eco und andere LeserInnen/NutzerInnen von e-Books (Luis Borges, Petra Schmid)

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Kann man ein E-Book lieb gewinnen? Ginge es nach Umberto Eco, würde die Antwort mit Sicherheit „nein“ lauten. Das überrascht nicht, der italienische Büchernarr macht keinen Hehl aus seiner Affinität und lässt kein gutes Haar am vielleicht ärgsten Konkurrenten des Buches – was er wiederum und wahrscheinlich sogar zu Recht nicht unterschreiben würde. Schliesslich heisst die Textsammlung, in der man auch den „inneren Monolog eines E-Books“ finden kann, nicht etwa „die Kunst des E-Bookliebens“ sondern natürlich: „Die Kunst des Bücherliebens“.

Bevor Eco eigenhändig zu argumentierten beginnt, warum man elektronische Bücher besser nicht lieben soll, erteilt er das Wort gleich dem E-Book selbst. Ein scheinbar liebevoller Akt, dem mechanischen Lesegerät eine Seele einzuhauchen. Das E-Book entpuppt sich als ein redseliges Ding, das sich mehr oder weniger unfreiwillig einem nicht enden wollenden Bewusstseinsstrom hingibt, es denkt und philosophiert euphorisch. Der erste von ihm beherbergte Text erweist sich auch sogleich als ein Glücksfall, „Vom Buch zum E-Book“, und es erkennt sich prompt im Letzteren wieder. Berauscht von seinem guten Charakter und den vielen Möglichkeiten – es ist die Zukunft! – geht es vollständig in dieser einen Geschichte auf, weiss sehr genau, wo es hingehört, schliesslich kennt es nur ein dünnes Bündel an Wahrheiten. Das ändert sich schlagartig, sobald sein Besitzer die Weltliteratur für sich entdeckt und sie sich auch sofort auf das Display holt. Da findet sich das E-Book also plötzlich in Dante’s Divina Comoedia wieder, gerade den Fluss Lethe hinter sich gelassen und das Paradies betreten, Beatrice und die Jungfrau Maria erblickt, hört es plötzlich Lokomotivengeratter und zu spät kommt der Aufschrei, der Anna Karenina von ihrer Verzweiflungstat abhalten könnte. Tapfer kämpft es wenig später als d’Artagnan mit den drei Musketieren, noch bevor es sich in Kafka’s Strafkolonie auf ein Folterinstrument gespannt wieder findet und sich schliesslich zu Pinocchio höchstpersönlich materialisiert. Der Reigen bricht nicht ab, ein unaufhaltsames Zappen ohne Innehalten. Das E-Book, verfolgt von Pierre Alexis Ponson’s Verbrecherfigur Rocambole, wird zum arabisch-hebräischen Wörterbuch und – bevor es sich gänzlich in den abertausend Seiten literarischer Klassiker verirrt – sieht die Eingeweide von Moby Dick, kehrt als Holzpuppe auf die Bühne zurück und endet als Ödipus in der mythischen Welt Griechenlands, deren weit verzweigte Stränge, Verirrungen und Verwirrungen den Zustand des E-Books wohl am besten zu fassen vermögen. Verzweifelt schliesst es seinen Monolog mit dem Bekenntnis, weder Seele noch Leben zu besitzen und da!, wird es sogleich von Proust’s Auf der Suche nach einer verlorenen Zeit verschlungen, nicht mehr fähig einen klaren, eigenen Gedanken zu fassen.

Wie funktioniert dieser Text? Seine Argumentation verfolgt gewissermassen eine Struktur, die sich auch in früheren Texten von Umberto Eco wieder findet. Er verleiht dem E-Book neben dem mechanischen Körper auch einen denkenden Geist. Dieses Denkvermögen speist sich aus den elektronischen Daten, es kann nur innerhalb dieser Daten denken, es ist ein Wissensspeicher, ein Gedächtnis, eine Art Bibliothek. Die Bibliothek aber ist verwirrend und verlockend zugleich, sein Benutzer kann es nicht lassen, sich immer neue Bücher zu beschaffen, ohne die Vorgänger gelesen oder gar verstanden zu haben. Und es ist letztlich diese Bibliothek, die aus den Fugen gerät, als würde man die Bücher nicht mehr in die richtige Abteilung stellen und sie deshalb nicht mehr finden oder nur aus Zufall. So schlägt die Verwirrung letztlich auf den Besitzer um: der „unendliche“ Speicher, die ungeheure Masse erhält bedrohliche Züge, das Verharren, das für die interpretatorische Leistung unabdinglich ist, wird durch die neue Art des Zappens ersetzt. Der Besitzer verliert sich in einem Labyrinth, in einer babylonischen Bibliothek. Das stets abrufbare Wissen wird nutzlos, der Überblick geht verloren, es gibt keinen Filter, der die Informationsmasse sortiert. Dieses kritische Argument verwendet Eco immer wieder auch in Bezug auf das Internet, die schiere Menge an abrufbarer Information verleite zu einer oberflächlichen Handhabung und störe das Textverständnis und die Interpretation.