Kollaboratives Schreiben mit ICT

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Vorläufer und Frühformen

ICT-gestütztes kollaboratives Schreiben ist nicht erst mit Blogs und Wikis erfunden worden. Damit sind nicht nur die bereits erwähnten und noch heute weit verbreiteten Praktiken der gemeinsamen, sequentiellen Bearbeitung von digitalen Textverarbeitungsdokumenten (Versioning) gemeint. Es gab auch Vorläufer und Frühformen des ICT-gestützten kollaborativen Schreibens von (Hyper-)Texten. Dazu gehört das Online-System NLS von Doug Engelbart, dem Erfinder der Comptermaus, sowie frühe Webplattformen für gemeinsames Publizieren wie Slashdot oder Kuro5hin.

Blogs

Blogs ist eine Abkürzung von Weblog. Der Begriff bezeichnet eine Website, in der in chronologisch umgekehrter Reihenfolge Einträge auf einer Web-Seite aufgeführt werden. Inhaltlich bewegen sich Blogs zwischen News-Ticker und Online-Tagebuch. Blogs sind in den USA schon seit einigen Jahren, im deutschen Sprachraum erst seit 2005 ein wichtiger Bereich des Webs. Dafür gibt es folgende Gründe:

  • Blogs sind technisch einfach zu eröffnen und zu betreuen: Einfacher als eigene Homepages, Websites oder gar Foren. Mittlerweile gibt es eine Reihe von Gratisanbietern, bei welchen das Anlegen eines eigenen Blogs so einfach ist wie das Eröffnen eines Webmail-Accounts (z.B. Blogger, das vom Suchmaschinen-Betreiber Google gekauft wurde, oder twoday.net). Es gibt auch kostenlose Programme, die auf einem eigenen Web-Server installiert werden können (z.B. Wordpress). Die Struktur ist denkbar einfach, kein Blogger braucht sich über die Strukturierung seines Blogs Gedanken zu machen: Es ist einfache eine aneinandergereihte Menge Text. Und wenn die Autor/innen wollen, können sie die Leser/innen ihre Meinung zum Text kundtun lassen.
  • Blogs sind daher auch einfach zu starten und zu pflegen. Im Gegensatz zu Foren, Mailing-Listen oder Diskussionsgruppen kann ein Blog auch gut funktionieren, wenn nur eine Person sich um das Verfassen von Texten kümmert. Oft sind Blogs Referenzen für die Personen, die sie betreiben. Sie stellen ihr Wissen und ihre Kompetenz unter Beweis. Und doch ist es eine vergleichsweise informelle Form des Publizierens. In Blogs können auch Geistesblitze, einfache Hinweise aber auch unausgegorene Meinungen veröffentlich werden. Letzteres hat den Blogs den Ruf eines exhibitionistischen, narzisstischen Selbsdarstellungsmediums eingetragen.
  • Dennoch bieten Blogs ziemlich viel: Die Einträge können mit Links versehen und archiviert werden. Einträge können mit Tags kategorisiert und in Spezial-Spalten angezeigt werden. Die Technologie, die den Blogs zugrunde liegt, ermöglicht auch eine sehr schnelle Indizierung in spezialisiersten Suchsystemen wie beispielsweise technorati (neue Einträge können innerhalb von Stunden erfasst werden) und mit der neuen Möglichkeit des RSS (Rich Site Summary) kann man sich als Leser Inhalte nicht nur einfach zusammenfassen, sondern sich auch auf einfache Art Hinweise auf neue Einträge anzeigen lassen. RSS ermöglicht auch die Einbindung der Inhalte in andere Web-Seiten.

Die Schnelligkeit, Einfachheit und Formlosigkeit haben dazu geführt, dass Blogs ein wichtiges Mittel des Online-Journalismus geworden ist. Informationen via Blogs sind schnell verbreitet. Blog-Einträge von Augenzeugen haben 2005 ausserordentlich schnell ein Bild über das Ausmass der Terror-Anschläge in London ermöglicht. Ausserdem sind Blogs für Menschen in Ländern mit eingeschränkter Meinungsfreiheit oft die einzige Möglichkeit, ihre Ansichten und Erfahrungen kundzutun, oder ohne Angst vor Repressionen kritisch über Vorgänge und Zustände in ihren Gesellschaften zu berichten (vgl. http://hodel-histnet.blogspot.com/2005/10/aus-der-welt-der-blogs-ii.html).

Wikis

Wikiwiki ist hawaiianisch und bedeutet "schnell". Die Entwickler der Wiki-Technologie wollten eine schnelle und einfache Art, wie Inhalte im Internet gemeinsam (eben: kollaborativ) erstellt, ergänzt und entwickelt werden sollten. In Wikis können die Nutzer/innen (anders als etwas in slashdot, kuro5hin oder everything2) jeden Artikel jederzeit ändern oder ergänzen. Die Nutzer/innen werden somit im eigentlichen Wortsinne zu "Wreadern".

Es gibt verschiedene Wikis mit unterschiedlichen zusätzlichen Funktionen. Ein wesentlicher Gesichtspunkt ist jedoch die einfach Handhabung auch für Neulinge. Es reichen grundlegen-de technische Kenntnisse bereits aus, um Texte zu ändern und Links anzulegen. Dadurch sinkt die Hemmschwelle für die Beteiligung. Diesen Effekt machen sich Bildungsinstitutionen und Unternehmen zu nutze, wo Wikis oft als flexible und informelle Form des Lernens und der Wissensbildung eingesetzt werden.

Obwohl auch Wikis über Möglichkeiten verfügen, die Schreibberechtigungen auf gewisse Personenkreise einzuschränken oder einzelne Seiten oder Bereiche für Bearbeitungen zu sperren, sind sie ein modellhaftes Beispiel von Social Software. In Wikis werden die Prozesse des Wissensmanagement weniger mittels technischer Vorgaben (Schreib-Berechtigungen, technisch definierte "Rollen", Redaktionsmodelle) sondern durch soziale Regeln gesteuert. Dabei hat im Prinzip jede Person die gleichen Möglichkeiten zur Kontribution, dennoch gelten nicht alle Beiträge als gleichwertig. Beiträge sind von höherem Gewicht, wenn sie zum Ziel des Wikis etwas beitragen, was wiederum durch die Gemeinschaft der Leser/innen und Autor/innen entschieden wird. Verletzungen der Regeln werden durch die Gemeinschaft der am Wiki Beteiligten korrigiert und allenfalls sanktioniert. Gerade bei der Behandlung jener Personen, die sich nicht an die Spielregeln halten wollen, entscheidet sich die Funktionsfähigkeit des Wiki-Modells. Erstaunlich ist jedoch bei fast jedem Wiki der Um-stand, wieviel Nutzer/innen bereit sind, sich an die Regeln zu halten - und ihre Einhaltung zu gewährleisten.

Dies hat auch Auswirkungen auf die Art des kollaborativen Schreibprozesses. Wikis verkörpern einen neuen Ansatz, Inhalte zu erstellen. An die Stelle vorgängiger redaktioneller Kontrollinstanzen tritt die soziale Kontrolle. Jimmy Wales, Gründer des Wikipedia-Projekts, fasste es wie folgt zusammen: "The basic thing I think makes it work is turning from a model of permissions to a model of accountability. It isn't that you are allowed or not allowed to edit a certain thing; it's when you do it, that change is recorded, and if it's bad, people can see that."(1)

Der Netzanalytiker Clay Shirky beschreibt die Funktionsweise von ICT-Publikationen, die von Gruppen, bzw Communities erstellt werden, mit folgenden Worten zusammen, die besonders für Wikis gelten: "The order of things in broadcast is 'filter, then publish.' The order in communities is 'publish, then filter."(2) Wikipedia ist dabei ein Sonderfall. Aber einer, der sehr viel Aufmerksamkeit auf sich zieht und der aufgrund der Menge an beteiligten Menschen und bearbeiteter Inhalte eine detaillierte Untersuchung des Wiki-Prinzips ermöglicht.

Social Software / web 2.0

Blogs, Wikis (inklusive Wikipedia) und allgemein die Möglichkeiten kollaborativen Schreibens mit ICT sind ein Beispiel für Anwendung von Social Software, bzw. allgemeiner des web 2.0. Damit sind zum einen partizipative Formen des gemeinschaftlichen Zusammenwirkens mittels ICT gemeint, andererseits neue Geschäftsmodelle und Web-Anwendungen, die sich in diesen Zusammenhang einbetten und neue soziale und ökonomische Interaktionsformen ermöglichen. Dazu gehören auch Versuche, die ICT-gestützte kollaboratives Schreiben einer weiteren Gruppe von Nutzer/innen für Alltagsgebrauch (writely.com) oder Geschäftsanwendungen (Socialtext) nahebringen wollen.


Kollaboratives Schreiben mit ICT und Historische Online-Kompetenz

Welchen Einfluss haben diese neuen Formen der kollaborativen Zusammenarbeit, bzw. des ICT-gestützten kollaborativen Schreibens auf den Forschungsalltag in den Geschichtswissenschaften? Der aktuelle Einfluss dürfte als marginal eingeschätzt werden. Das kollaborative Schreiben hat wenig Tradition in den Geschichtswissenschaften. Die Möglichkeiten der ICT werden im Forschungsalltag noch immer vergleichsweise konservativ genutzt. Damit ist noch keine Aussage dazu gemacht, wie die Formen ICT-gestützten kollaborativen Schreibens wie Wikis und Blogs in anderen wissenschaftlichen Disziplinen sich im Alltag etabliert haben. CSCW als Werkzeug wissenschaftlicher Arbeit (sowohl in Forschung und Lehre) ist jedoch mit Sicherheit weiter verbreitet (vgl. Collaboratory und ICT-unterstützte gemeinschaftlicher Wissensaneignung). In den Geschichtswissenschaften ist die Bedeutung des Publizierens, des Schreibens und des kollaborativen Schreibens mittels ICT, wie überhaupt der Einfluss von Social Software und den Ansätzen des web 2.0 noch zu auszuloten. Was zur Frage führt, wie Kollaboratives Schreiben mit ICT und Historische Online-Kompetenz zusammenhängen.

Literatur/Links

  1. Terdiman, Daniel: How wikis are changing our view of the world CNet News.com, 15.11.2005 (Zugriff vom 17.2.2006) http://news.com.com/2009-1025-5944453-3.html
  2. Shirky, Clay: Broadcast Institutions, Community Values (Zugriff 17.2.2006) http://www.shirky.com/writings/broadcast_and_community.html
  3. Gründerwiki (Zugriff 17.2.2006) http://www.wikiservice.at/gruender/wiki.cgi?WikiEinf%fchrung
  4. http://en.wikipedia.org/wiki/Blogs
  5. http://en.wikipedia.org/wiki/Wiki
  6. http://en.wikipedia.org/wiki/Web_2.0
  7. http://en.wikipedia.org/wiki/Social_software




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--Jan Hodel 12:24, 16. Feb 2006 (CET)