Medien der Geschichte 17.03.2008

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Texte zur Lektüre

Zusammenfassung des Textes von Langewiesche

Zur Theorie historischer Erfahrung und ihrer Vermittlung (311-313)

Verschiedene Anbieter von Geschichtsdeutung sind auf dem Geschichtsmarkt vertreten. Die Vorstellungen von Vergangenheit sind unterschiedlich, umstritten und so sind es auch die Deutungen ihrer. Deutung von Vergangenheit ist abhängig von Wahrnehmungen der Gegenwart und von Zukunftserwartungen. Die Vorstellung von der Vergangenheit wird vom Jetzt immer wieder aufs Neue moduliert. Droysen sieht als Produkt der Historiker-Zunft nicht die Wiederherstellung der Vergangenheit, sondern „ein Etwas, dessen Elemente, wie latent und eingehüllt auch immer, in unserer Gegenwart liegen.“ Wie in die Vergangenheit geschaut wird, ist geprägt von der Perspektive, vom Standpunkt des Betrachters. Dieser Aspekt ist bei Chladenius mit „Sehepunkt“ umfasst. Mit diesem Begriff charakterisiert er die subjektive Perspektive des Historikers. Wie Wahrnehmung hängt auch Deutung historischer Ereignisse vom Standpunkt, vom Wissen und von der Haltung ab.

Konkurrierende Geschichtsschreibung in konkurrierenden Geschichtsmilieus: zur Offenheit des Geschichtsmarktes (313-322)

Zu Beginn des 20. Jahrhundert gehen die Vergangenheitsvorstellung der deutschen Öffentlichkeit und jene Deutungen der Geschichtswissenschaften auseinander. Zeigen tut dies der boomende Buchmarkt von Büchern, in denen andere Vergangenheitsdarlegungen dominieren, als es die damalige Wissenschaft vertritt. Langewiesche zeigt dies, mit einem Blick auf die kontinentale Geschichtsschreibung Ende des 19. Jahrhunderts. Die wissenschaftliche Professionalisierung der Geschichtsschreibung vollzog sich damals in einer von Nationalismus geprägten Zeit. Diese Geschichtsschreibung bleibt dem staatstragenden, also dem preußisch-protestantischen Tenor verhaftet. Sie entsprach Wünschen, die eigene nationale Kultur zu definieren und abzustecken und somit auch die nationale Politik zu stützen. Der englische Historiker Henry T. Buckle dagegen konzipiert die Geschichte entschieden als Gesellschaftsgeschichte. Arnold Ruge, der das Werk von Buckle ins Deutsche übersetzte, glaubt, dass ein wechselseitiger Austausch zwischen Historiker und der Gesellschaft wichtig sei. So profitiere die Gesellschaft von einer Geschichte, die nicht nur nationale Helden heraufbeschwört. Auch aus der geschichtlichen Erfahrung anderer Völker und Staaten könne man Handlungsmaximen für die eigene Gesellschaft ziehen. Die Gesellschaft kann von geschichtlichen Fremderfahrungen also nur profitieren. Die universitäre Geschichtswissenschaft war deutlich weniger bereit, sich konkurrierenden Geschichtsdeutungen zu öffnen, als dies etwa bei der deutsch-kaiserlichen Öffentlichkeit der Fall war. Die universitäre Betrachtung von Geschichte sah sich vermehrt in Bedrängnis von „sozialmoralischen Milieus“ (M. Rainer Lepsius), welche die deutsche Gesellschaft und ihre Öffentlichkeit stark prägen. Es sind „Geschichtsmilieus mit je eigenem Publikum“, die sich nicht der wissenschaftlicher Autorität akademischer Geschichtsdeutungen fügen. Langewiesche zeigt weiter, dass auch im jüdischen Geschichtsdenken sich konkurrierende Vergangenheitsdeutungen gegenüberstehen. Auf der einen Seite steht das Modell Emanzipation. In diesem wird das Judentum als Konzept einer entnationalisierten Konfession gedeutet. Dieses Modell erscheint zwar als vorherrschender Diskurs, musste sich aber gegenüber Konzeptionen verteidigen, die Juden als eine Nation bestimmten. Hier steht unter anderem der Zionismus der Gegenwart Pate für die Vergangenheitsauslegung. Damit werden wiederum Handlungsmaximen legitimiert, wie Gegenwart und Zukunft zu gestalten sind. Des Weiteren findet auch im Katholizismus ein Denken über Geschichte statt, das in Konkurrenz zum preußisch-protestantischem Geschichtsbild steht. Den katholischen Historikern blieben lange Zeit Universitätsprofessuren versagt. Eine ähnliche Situation wie etwa Professuren in der Schweiz fest in bürgerlicher Hand waren und erst in den 1960er Jahren ein Sozialdemokrat Ordinarius für Geschichte werden konnte. Als solchen katholischen Historiker nennt Langewiesche den deutschen Johannes Janssen. Die acht Bände seiner „Geschichte des deutschen Volkes seit dem Ausgang des Mittelalters“ waren mit bis 18 Auflagen auf dem Buchmarkt sehr erfolgreich. Wie akademische Geschichtswissenschaft und historisch-interessierte Öffentlichkeit auseinander klaffen, bespricht Langewiesche anhand den so genannten Universal- beziehungsweise Weltgeschichten. Diese konnten zur Zeit von Kolonialismus und Imperialismus auf ein grosses Publikum zählen. Die Geschichtswissenschaft dagegen hat sich von diesen aber verabschiedet. Sie genügten immer weniger den fachlichen Standards und wurde so, wie es Jürgen Osterhammel ausdrückt, zur „Methodisierungsverliererin“.

Methodische Reflexion und gesellschaftliche Erfahrung im Geschichtsroman: Martin Walser (322-326)

Im dritten Kapitel bespricht Langewiesche methodologischen Ansatz in Martin Walser Roman „ein springender Brunnen“. Der Roman ist eine Schilderung der Lebensumstände zur Zeit des Nationalsozialismus, durch die bäuerlich-einfachen Figuren gibt er auch einen Einblick in die dörflich-kleinstädtische Gemeinschaft. In der Sendung Literarisches Quartett vom August 1998 musste sich Martin Walser die Kritik gefallen lassen, dass im Springenden Brunnen Auschwitz keine Rolle spielt. Indirekt wurde er der Verharmlosung der Nazizeit bezichtigt. In seiner Rede vom Oktober 1998 in der Frankfurter Paulskirche anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels verteidigte sich Walser, indem er eine „Instrumentalisierung des Holocaust” thematisierte. Er nannte den Holocaust „unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Last, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten werde.“ Es sei ein „grausamer Erinnerungsdienst“ und eine „Routine des Beschuldigens“. So fühle sich derjenige, der ständig diese Verbrechen thematisiert, sich den Mitmenschen moralisch überlegen. Es sei, wie Walser betonte, eine „Instrumentalisierung zu gegenwärtigen Zwecken“, wenn die deutsche Geschichte auf Holocaust und Nationalsozialismus ausgerichtet wird. Hier stossen wir auf Grundfragen der Geschichtswissenschaft, wenn gefragt wird: Wie sind Gegenwart und Vergangenheit aufeinander bezogen? Walser macht in seinem Buch eine Trennung zwischen individueller und kollektiver Vergangenheit. Er entwirft für die kollektive Vergangenheit das Sinnbild eines Museums, das von allen begehbar ist. Für die individuelle Vergangenheit steht die Metapher des Traums: „ Wir haben von ihr (von der eigenen Vergangenheit) nur das, was sie von selbst preisgibt. Auch wenn sie dann nicht deutlicher wird als ein Traum. Je mehr wir's dabei beließen, desto mehr wäre Vergangenheit auf ihre Weise gegenwärtig. Träume zerstören wir auch, wenn wir sie nach ihrer Bedeutung fragen. Der ins Licht einer anderen Sprache gezogene Traum verrät nur noch, was wir ihn fragen. Wie der Gefolterte sagt er alles, was wir wollen, nichts von sich. So die Vergangenheit.“ Ähnlich verhält es sich in der Geschichtsschreibung. Es werden diejenigen Fragen an die Geschichte gestellt, die in der Gegenwart am meisten Relevanz haben. Es hallt uns entgegen, was wir zuvor gerufen haben. Vergangenheitssuche als Gegenwartserklärung. Also der Versuch, sich durch Vergangenheit eine bessere Position in der Gegenwart zu verschaffen. Dies kann zur extremen Aussagen verleiten wie; Vergangenheit erscheint so als Supermarkt, aus dem nach Bedarf bezogen wird. Das Ideal einer Geschichtsschreibung wäre, nach Walser, eine, die keine nachträglichen Eroberungen aus der Geschichte macht.

Notizen zum Text von Lindenberger

<1>

  • Rothfels definiert Zeitgeschichte als die „Epoche der Mitlebenden und ihre wissenschaftliche Behandlung“
  • setzt Beginn auf 1917 an (Oktober Revolution in Russland, Kriegseintritt USA)
  • Grundsatz „veritas in actis“ ist aber recht resistent und verhindert, dass Tageszeitungen, Zeitschriften etc. als vollwertige Quellen wahrgenommen werden

<2>

  • Ausgangslage hier: dieses Konzept zu hinterfragen in einer von audiovisuellen Medien geprägten Gegenwart
  • verschiedene Epochalisierungsdiskussionen
    • Frankreich: Zeitgeschichte alles seit der Französischen Revolution, erfänzt durch die Geschichte der Gegenwart
    • Deutschland: Einteilung in ältere (bis 1945), jüngere (1945 bis 1989) und jüngste/neueste Zeitgeschichte (seit 1990)
  • generelles Merkmal
    • Audiovision als „alle Lebensbereiche durchdringende Praxis des Realitäsbezuges, der Kommnikation und der Reproduktion sozialer Beziehungen“ hat sich etabliert
      • Radiohören, Zeitungslektüre, Hörbücher, Kino, TV, Internet, …

Die spezifische Epistemologie der Zeitgeschichte

  • Problem der Zeitgeschichte ist nicht, AV-Quellen als Untersuchungsgegenstand zu akzeptieren, das ist schon teilweise recht gut geschehen

<3>

  • Problem vielmehr: Beuzgspukt „Mitlebende“ setzt die zeithistorische Praxis einem höhe-ren Druck nichtwissenschaftlicher Ein- und Gegenrede aus
  • innerwissenschaftliche muss dieses Einfluss ausserwissenschaftlicher Faktoren dauernd reflektiert und bewertet werden
  • auch die Zeitgeschichte arbeitet im Medium der Druckschrift und ist logozentrisch (wort-fixiert)

<4>

  • daneben entsteht ein nur lose mit der Wissenschaft kommunizierender Markt für Zeitgeschichte in den Unterhaltungsmedien
  • auch mit Historikern bestückt, aber ohne gemeinsamen Raum der Reflexion und der Debatte

<5>

Die Mitlebenden als Medienkonsumenten

  • Entdeckung, dass „Mitlebende“ nicht in Schrift und Buch reflektierten, sondern in der erzählten Lebensgeschichte
  • eigene Logiken der Zäsurbildung als in der Politikgeschichte
  • oral history entdeckte, dass die Mitlebenden ihre Erinnerungen auch durch Medienkon-sum konstruierten
    • Bsp. Harald Welzer entdeckt, dass Filmszenen als eigenes Elreben ausgegeben wer-den
  • Zeitgeschichte muss eigenes Erleben von medial vermittelten Erlebnissen unterscheiden
  • bedeutet auch, dass der Zeithistoriker die mediale Produktion der Zeit kennen muss
    • „Wer sich etwas über den Alltag im Bombenkrieg erzählen lassen will und die zeitgleich rezipierten Wochenschauen und Durchhaltefilme oder aber die nach 1945 ver-breiteten audiovisuellen Bearbeitungen dieses Geschehens nicht kennt, sollte besser in der Studierstube bleiben.“

<6>

  • wichtig ist audiovisuell vermittelte Popularkultur
    • bildet für viele Menschen den Rahmen der Erinnerung
    • Zäsuren und eigene Chronologien
    • ((Hinweis auf Halbwachs))
  • heisst auch, eigene Vorbehalte zu revidieren
    • Nazidiktatur hat bildungsbürgerliche Vorurteile gegen die audiovisullen Massenme-dien bestätigt
    • 1968ff: kritische Analyse der Kulturindustrie als Bewusstseinsindustrie (Adorno)

<7>

  • heute mediale Repräsenation von zeitgeschichtlichen Ereignissen Teil der Medienkultur geworden
  • dieses Wissen um die Selbstreferentialität des Medienverbundes ist Alltagswissen ge-worden

Das Ende der Gutenberg-Galaxis als Beginn der Zeitgeschichte

  • Ende der Gutenberg-Galxis (Norbert Bolz) unter Bezug auf McLuhan bezeichnet das Ende des Primates des geschriebenen und gedruckten Wortes
    • „Eine die Sinne adressierende und nicht mehr lediglich sinnzentrierte Kommunikation kehrte in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Kommunikation zurück […].“

<8>

  • neue Versinnlichung der Massenkommunikation
    • neue unmittelbarere Gewissheitserfahrungen
    • Kulturtechnik des Decodierens von Schrift nicht notwendig
    • Fixierung der Bedeutung von Sinneseindrücken ist – interpersonal – nicht mehr so einfach, wie bei schriftlich übermitelten Worten und Sätzen
    • d.h. es gibt eine eigentlich (gesellschaftliche, interpersonale) Sinnarmut des Rohmaterials (?)
    • Aneignung erfolgt in wilder, unsystematischer Kompetenz des Sehens und Hörens
    • Kontextualisierungen und Dekontextualisierungen erfolgen daher weitgehend individuell

<9>

  • späte Erkenntnis dieses Problematik ermöglicht es der Zeitgeschichte, die bisherigen Debatten (unter anderem der Medienforschung) zu berücksichtigen

Weiterführende Literatur zur Sitzung


Sitzungsbericht

In der Sitzung vom 9.3.2008 haben wir die Texte von Lindenberger und Langewiesche genauer betrachtet. Nikola Karadzic stellte uns den Text von Langewiesche, „Die Geschichtsschreibung und ihr Publikum“ vor. Im Vergleich zu vorherigen Schriften ist dieser Text leicht lesbar und verständlich geschrieben. Langewiesche wollte uns mit seiner Arbeit „Die Geschichtsschreibung und ihr Publikum“ aufzeigen, dass es verschiedene Theorien zur Vermittlung von Vergangenem gibt. Er zitierte Historiker wie Droysen oder Chladenius, die den Standpunkt vertraten, dass die Vergangenheit von der Gegenwart geprägt wurde (Droysen) oder dass Geschichte abhängig von der Sichtweise des jeweiligen Historikers, und somit sehr subjektiv sei. Langewiesche machte auf die verschiedenen Geschichtsmärkte aufmerksam. Anhand mehrerer Beispiele machte er diese anschaulich. So gab es die Geschichte der Juden, die einen anderen Anspruch erhob und andere Schwerpunkte setzte, als zum Beispiel die Geschichte der Katholiken. Dadurch entstanden unter anderem populäre Bücher, die sich gegen den Ansatz der Geschichtswissenschaft stellten und somit ein anderes Geschichtsbild prägten. Der Geschichtsmarkt entstand. Während der Wissenschaftler Ruge für eine Öffnung gegenüber solchen „anderen“ Geschichtsschreibungen war und die Meinung vertrat, dass ein Austausch zwischen Geschichte und Gesellschaft wichtig sei, wollte die universitäre Geschichtswissenschaft ihre Rolle als Norm geltende Wissenschaft erhalten. Es stellte sich im Seminar dann die Frage, ob in Bezug auf die Geschichtsschreibung Begriffe wie Normweg (preussisch-protestantisches Geschichtsbild) oder Sonderweg (katholisches oder jüdisches Geschichtsbild) überhaupt zulässig seien. Weiter verlangte Ruge, dass eine Kommunikation zwischen den einzelnen Märkten nur durch die Wissenschaft möglich sei. Im letzten Kapitel ging Langewiesche auf den „Fall“ Walser ein. Dem Schriftsteller Walser wurde unterstellt, in seinem Buch „Der springende Brunnen“, welches vom zweiten Weltkrieg handelte, den Holocaust zu verharmlosen, da Auschwitz nie erwähnt wurde. Walser wies die Anschuldigungen von sich, unter anderem mit der Begründung, man müsse eine klare Trennlinie zwischen individueller und kollektiver Vergangenheit ziehen. Er sah die Vergangenheitssuche jedes Einzelnen als Gegenwartserklärung.

Während Langewiesche sich mit dem Buch als Medium beschäftigte, betrachtete Lindenberger in seiner Arbeit „Vergangenes Hören und Sehen, Zeitgeschichte und ihre Herausforderung durch die audiovisuellen Medien“ wie der Titel schon sagt, vor allem die neuen Medien (in) der Geschichte und deren Wirkung.

Lindenberger übernahm den von Rothfels bestimmten Begriff Zeitgeschichte als die „Epoche der Mitlebenden und ihre wissenschaftliche Behandlung“ und versuchte diesen auf die audiovisuellen Medien zu übertragen. So sah Lindenberger das Hauptproblem nicht in der Akzeptanz der audiovisuellen Medien als Quelle, sondern in den „Mitlebenden“, diejenigen Menschen, welche die Geschichte noch selber erlebt hatten. Diese übten nach Lindenberger durch ihre unwissenschaftliche Resonanz Druck auf die Geschichtswissenschaft aus. Dieser Markt der Geschichte, die Erfahrung der Mitlebenden, der bis heute wenig bis gar keinen Einfluss auf die akademische Geschichte hat, wurde von der Wissenschaft kaum beachtet. Lindenberger forderte aber, dass dieser nicht akademische Impuls wissenschaftlich diskutiert werde und ein Austausch stattfinden solle. Das Medium der Mitlebenden ist nicht das gedruckte sondern das gesprochene Wort. Erst in neuerer Zeit werden diese Zeugenberichte aufgeschrieben. Dass sich der Medienkonsum mit der eigenen Erinnerung überlagern kann und welche Schwierigkeiten dadurch für die Geschichtswissenschaft entstehen, sieht man am Beispiel von Binjamin Wilkomirski. Wilkomirski schrieb ein autobiografisches Buch über seine Zeit in einem KZ, von dem man aber beweisen konnte, dass er niemals in einem KZ gewesen war (Das Wilkomirski-Syndrom).

Die aktuellen Historiker müssen sich auch mit der Wirkung der Medien auseinandersetzen. So vermitteln Medien nicht nur Tatsachen, sondern wollen gewisse Dinge initiieren. Zudem gibt uns die Popularkultur, unter anderem durch die Massenmedien verbreitet, ein kollektives Gedächtnis, das allerdings nicht mehr viel mit der eigentlichen Geschichte zu tun hat. Die Sinnlichkeit und nicht der Sinn steht im Mittelpunkt. Lindenberger sah das Buch als ein immer mehr in den Hintergrund gleitendes Medium. Das Lesen als Kulturtechnik wurde wegen der Präsenz der audiovisuellen Medien immer weniger wichtig. Die Problematik dieser Tatsache liegt darin, dass uns die Schriftlichkeit sowohl als Leser wie auch als Autor dazu zwingt, gewisse Dinge explizit auszudrücken, währenddessen das Bild, der Ton oder der Film viel mehr Interpretation ermöglicht. So sind wir zwar fähig, Texte genauestens zu analysieren, beherrschen aber kein Instrument für das Lesen und Verstehen der viel präsenteren, audiovisuellen Medien. Dieser Wandel wurde nach Lindenberger von der Geschichtswissenschaft verpasst. Der neue Anspruch an die Zeitgeschichte sei nun, diesen Wandel in die Wissenschaft einzubetten.

Die auf den ersten Blick sehr unterschiedlich erscheinenden Texte haben ihre gemeinsame Basis im Geschichtsmarkt. Während Langewiesche sich mit den verschiedenen Büchermärkten und ihrem Publikum befasste, griff Lindenberger die audiovisuellen Medien und ihre Zielgruppe auf. So scheint Geschichte schon immer ein Markt mit multiplen Publikum und verschiedenen Ansprüchen gewesen zu sein. Der Auftrag der heutigen Geschichtswissenschaft ist es, da sind sich beide Autoren einig, diese neuen Faktoren in ihre Arbeit einzubeziehen.

Anita Barmettler