Medien der Geschichte 31.03.2008

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Weil der Referent der Sitzung erkrankt ist, werden wir kurzfristig das Programm umstellen müssen und an dieser Sitzung einige kurze Texte lesen und besprechen zum Thema "Die Medien der Geschichte in den Medien". Die Texte werden in Papierform an der Sitzung vorliegen, sind aber zusätzlich im passwortgeschützen Bereich abrufbar.



--Peter Haber 20:51, 30. Mär 2008 (CEST)


Sitzungsbericht

Das Ende des Historiker-Monopols

Vermittlung der Zeitgeschichte findet heute in Bildern statt. Dies könnte die Quintessenz der neun Zeitungsartikel sein, die wir heute im Seminar gelesen und besprochen haben. Geschichte wird nicht mehr ausschliesslich in Büchern von BerufshistorikerInnen kontextualisiert, sondern im öffentlichen Raum repräsentiert und inszeniert sowie als Histotainment dem Fernsehpublikum angeboten. Das Ende des Historiker-Monopols, wie Aleida Assmann diagnostiziert, hat sich schon längst ereignet (Frankfurter Rundschau, 11.12.07). Im Touristenführer von St. Petersburg, Florida, unter der Rubrik 40 Fun Things to Do, findet sich an elfter Stelle Remember the Holocaust. Oder in Israel gedenken Jugendliche des Holocausts, in dem sie an Techno-Parties tanzen (NZZ, 13.09.2000). Banalisierung, Entpolitisierung, Enthistorisierung; visuelle Geschichtspornografie; Riefensthal-Ästhetik; Nachfühlen statt Nachdenken; Emotionalisierung statt Nüchternheit, um einige Stichworte zu nennen, welche Fachleute zu dieser Realität bemerken. Viele Historiker scheinen dieser neueren Entwicklung der Geschichtsvermittlung wenig entgegenhalten zu können. Dieses ‘Bild‘ suggerieren die drei Zeitungsberichte über den 46. Deutschen Historikertag (2006) mit dem Titel Geschichtsbilder. Ein Dilemma sei unübersehbar. „Einerseits beansprucht die deutsche Historikerzunft die Deutungshoheit für ‘die Geschichte‘. Andererseits wird das Geschichtsbild der breiteren Bevölkerung der Bundesrepublik in der Mediengesellschaft stark von populären Fernsehsendungen bestimmt […]" (Freitag 39, 29.09.06). Der Historiker Christian Geulen (Frankfurter Rundschau, 27.1.04) lässt sich von den hohen Zuschauerzahlen vor dem Fernseher oder Besucherzahlen an Ausstellungen (z.B. Wehrmachtsausstellung) nicht entmutigen. Diese medialen Formen seien nur eine Stimme unter vielen. Aber vor allem sieht Geulen in den medialen Formen eine Aufgabe für die Geschichtswissenschaft. HistorikerInnen sollten nicht übersehen, dass die Resultate ihrer Forschungen von den Medien vereinnahmt und entstellt werden. Diese Vereinnahmung und Entstellung sollte thematisiert und problematisiert werden, weil sie eine realitätsstiftende Macht sei.


Beispielhaft (Stuttgarter Zeitung, 10.5.05) – eine persönliche Bemerkung

Am 6. Mai 2005 wurde das Shoah-Museum in Jerusalem neu eröffnet. Der Journalist Tim Schleider lobt die Ausstellung, weil wohl an keinem anderen Ort der Welt derart umfassend und detailliert über den Völkermord an den europäischen Juden informiert werde. „All dies aber stets mit den möglichst exakten Mitteln der Geschichtswissenschaft“ (ebd.). Weiter wird bemerkt, dass, um aus der konzeptionellen Strenge und Ruhe keine Teilnahmslosigkeit entstehen zu lassen, am Anfang und am Ende der Ausstellung die Kunst in Form von Installationen den emotionalen Beitrag leiste. Ich frage mich, kann jemand, der von der Zeitgeschichte weiss, vor diesen Bildern und Kommentaren stehen und dabei teilnahmslos bleiben? Hat eine Ausstellung nicht per se einen ästhetischen Wert? Und kann in diesem Sinne niemals eine wissenschaftliche Nüchternheit haben. Könnte nicht genau die ‘Unterkühlung‘, die wahrscheinlich mit wissenschaftlicher Nüchternheit verwechselt wurde, ein ‘Schaudern‘ bei den Betrachtenden hervorrufen? Ich will damit auf keinen Fall die mit Sicherheit gelungene Ausstellung in Frage stellen. Doch eine Ausstellung arbeitet mit anderen Mitteln als Geschichtswissenschaft, auch dann, wenn keine gefälschten Bilder ausgestellt werden oder ‘fun‘ verspricht wird.

--Dficola 20:37, 3. Apr 2008 (CEST)