Social Tagging

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Seit 2004 haben Social Bookmarking Services wie del.icio.us, Myspace, Flickr und YouTube die Möglichkeiten für Partizipation, Interaktion und Kooperation im Web erheblich erweitert. Eine der bedeutsamsten Anwendungen ist die freie und gemeinschaftliche Verschlagwortung oder tagging von Online-Dokumenten durch den Nutzer der Web 2.0-Dienste. Die Übertragbarkeit dieser Web 2.0-Technik in die Bibliothekswelt stellt eine Herausforderung für die Bibliotheken dar. Bei vielen Llbrary 2.0-Projekten macht sich bereits die Übernahme von Web 2.0-Prinzipien und der Wandel klassischer bibliothekarischer Abläufe sichtbar.



Tagging im Web2.0

Tags sind Schlagworte zur Katalogisierung von digitalen Informationen. Im Unterschied zu der professionellen Verschlagwortung, die mit Hilfe eines kontrollierten Vokabulars und eines hierarchischen Kategoriensystems vorgeht, sind tags subjektiv geprägt und folgen keinen festen Regeln und Strukturen.

Für jedes zu beschreibende Element entstehen viele Begriffe (tags). Diese werden in einem tag cloud dargestellt, so dass die tags, die am häufigsten vorkommen, visuell hervortreten.

Mit der Vergabe von tags zu Daten wie z.B. Links zu Websites, Blogs, Videos, Bildern oder Buchtiteln werden Metadaten generiert, die verschiedenen Zwecken dienen können: Zum Wiederfinden von Informationen, zum Austausch von Informationen zwischen den Nutzern und zur Beurteilung der Popularität oder Relevanz eines Themas.

Folksonomies

Die Verschlagwortung von Daten mit Hilfe von tags wird als Folksonomy bezeichnet. Der Begriff grenzt einerseits von der Taxonomie ab und unterstreicht andererseits die sozialen Dimension von tagging.

- Die Produktion der Metadaten wird zu einem basisdemokratischen kommunikativen Prozess: Die Kategorisierung der Daten, die durch den Nutzer und nicht durch den Experten erfolgt, drückt direkt die subjektiven Begriffswelten und Betrachtungsweisen der User aus.

- Aus der Perspektive der Nutzung, basiert tagging wie auch andere Applikationen des Web 2.0 auf dem offenen Zugang zu den Metadaten und deren Austausch. Die Vielfalt der Tags entspricht der Vielfalt der Betrachtungsweisen der User.

- Wichtiger Effekt der Social Bookmarking-Dienste ist die Bildung informeller Communities und Netzwerke von Millionen von Nutzern. Die tags repräsentieren trotz ihrer subjektiven Prägung das Ergebnis eines kollektiven Prozesses, einer schrittweisen kollektiven Einigung.

Beispiele von social Tagging im Web 2.0

Social Tagging in der Bibliothek 2.0

Social Tagging in der bibliothekswissenschaftlichen Diskussion

Als grösste Risiken von social tagging werden Sicherheits- und Qualitätsprobleme betrachtet, zu denen urheberrechtliche Fragen, Datenmanipulation und Verbreitung „unerwünschter“ Inhalte gehören [1]. Zudem wird die Qualität der inhaltlichen Erschliessung von Daten durch den Nutzer angezweifelt. Aus den chaotischen Verfahren (fehlender Hierarchisierung, unkontrolliertes Vokabular, Unschärfe der Begriffe ) resultiert keine klare Struktur und Ordnung.


Anderseits werden die Vorteile von social tagging erkannt: Folksonomies bilden die Vielfalt der Suchbedürfnisse ab [2], sie ermöglichen alternative Betrachtungsweisen, schnelle Adaption von aktuellen Begriffen und Bildung von Bibliothekscommunities [3].

Aufgrund dieses Potentials wird social tagging bereits in Projekte der Bibliothek 2.0 einbezogen. Die Risiken werden vermindert, indem die Bibliothekskataloge beide Mechanismen, d.h. die bisherigen Formen bibliothekarischer Sacherschliessung und social tagging sinnvoll miteinander kombinieren.

Anwendungsbeispiele von social tagging in Bibliotheken

Das OpenBib-Projekt

Der Kölner UniversitätsGesamtkatalog bietet im Rahmen des OpenBib-Projektes Web 2.0-Dienste, wie z.B. Popularitäts- und Empfehlungsfunktionen, social tagging und tag clouds der 200 am häufigsten vergebenen Schlagworte. Angemeldete Nutzer können Titel „taggen“. Die tags werden zur Vereinheitlichung automatisch normiert: Umlaute werden aufgelöst, es wird Kleinschreibung verwendet und unerwünschte Zeichen werden eliminiert. Neben diesem social tagging bietet OpenBib auch das individuelle tagging an. Der Nutzer erhält eine Übersicht aller von ihm verwendeten tags in Form einer tag cloud. Durch einen Klick auf einen tag erhält er die Liste aller Titel, die er mit dem jeweiligen tag verschlagwortete.

Angemeldete Nutzer können in OpenBib die einzelnen Katalogaufnahmen durch Rezensionen und Bewertungen ergänzen, oder können Rezensionen anderer Nutzer beurteilen. OpenBib bietet auch Mashups mit Sozialer Software wie Wikipedia und BibSonomy. Die bibliographischen Angaben eines Titels können durch Klicken auf das entsprechende Icon an BibSonomy gesendet werden.

PennTags

Die Bibliothek der University of Pennsylvania hat das PennTags eingeführt, ein auf del.icio.us software basiertes social bookmarking-System, mit dem sich die Nutzer an der Verschlagwortung des Bestandes beteiligen und Links oder tags auf den Katalog setzen können. Die tags werden zusätzlich zur professionellen Verschlagwortung verwendet.

Die Benutzer können Websites, Zeitschriftenartikel, Videos und andere Arten von online-Dokumenten in den Katalog einbringen und vertaggen. Das Klicken auf einen tag führt also nicht nur zu den Katalogdaten, sondern zu einer Vielfalt anderer Online-Dokumente. Die populärsten tags werden als tags cloud visualisiert.

Stadtbücherei Nordenham in LibraryThing

Die Stadtbücherei Nordenham nutzt mehrere Web 2.0-Anwendungen. Del.isio.us dient zur Katalogisierung von bibliotheksrelevanten Links. Die vergebenen tags werden in Form von clouds visualisiert.

Die Bibliothek präsentiert die Neuerwerbungen über librarything und lässt sie durch die Nutzer katalogisieren [4]. Die Nutzer können neben den Neuerwerbungen jeden Titel aus dem Bestand der Stadtbücherei Nordenham im LibraryThink kommentieren und vertaggen. Die Bibliothek hat als Mitglied von LibraryThing ein Profil erstellt und blendet tags clouds und authors clouds ein.

Connotea-Mashups in UB Mannheim

Der Dokumentenserver MADOC der UB Mannheim ist eine Plattform zur elektronischen Publikation wissenschaftlicher Dokumente. Dieser Dokumentenserver bietet Mashups mit Connotea und del.isio.us an. Die Bibliotheksbenutzer können von dort aus auf diese social bookmarking-Dienste zugreifen und die Möglichkeiten der Schlagwortvergabe und Verwaltung der bibliographischen Daten nutzen.

Die Universitätsbibliothek Mannheim bietet zudem ihren Nutzern die Möglichkeit, Medien direkt im Online-Katalog mit Sternen von 5 für sehr empfehlenswert bis 1 für nicht empfehlenswert zu bewerten. Sofern die Rezensionen den Rezensionsrichtlinien entsprechen, bleiben sie dauernd auf der Online-Katalog-Seite des jeweiligen Titels lesbar [5].

Die Zukunft von social tagging in Bibliotheken

Social tagging in Bibliotheken ist ein faszinierendes, revolutionäres Konzept der Mitwirkung der Nutzer bei der Katalogisierung der Bibliotheksbestandes.

Falls es tatsächlich ein Konzept für die Bibliothek der Zukunft sein soll, beschränkt sich die Aufgabe der Bibliotheken nicht nur darauf, die benötige Infrastruktur und technische Dienste bereitzustellen. Die Bibliotheken stehen vor der spannenden Aufgabe, Lösungen zu suchen, um die Vorteile von Taxonomies und Folksonomies zu verbinden und die Anwendbarkeit der Folksonomies für das Retrieval zu verbessern, ohne dabei die Kreativität und Dynamik, die ihnen zugeschrieben wird, zu vermindern.

Weblinks

Tag cloud der University of Pennsylvania Library [6]

Kölner UniversitätsGesamtkatalog [7]

Informationen zum OpenBib-Projekt [8]

Folksonomy [9]

Zu der Bedeutung und Funktionalität von Tag Clouds: [10]

Blogs

http://blogs.law.harvard.edu/mediaberkman/2007/03/30/social-tagging-harvard-part-i/

http://blogs.law.harvard.edu/mediaberkman/2007/03/30/social-tagging-harvard-part-ii/

http://www.infospaces.it/wordpress/topics/general-stuff/79

Literatur

Figge, Friedrich/Kropf, Katrin (2007) Chancen und Risiken der Bibliothek 2.0: Vom Bestandsnutzer zum Bestandsmitgestalter.[11]

Flimm, Oliver: Die Open-Source-Software OpenBib an der USB Köln - Überblick und Entwicklungen in Richtung OPAC 2.0 [12]

Heller, Lambert: Social Software –Bausteine einer „Bibliothek 2.0“ [13]

Heller, Lambert: Bibliographie und Sacherschließung in der Hand vernetzter Informationsbenutzer [14]

Heller, Lambert: Bibliotheken und die Sacherschließung in sozialen Netzwerken Oder: "Passen Folksonomies und traditionelle bibliothekarische Sacherschließung zusammen?" [15]

Kroski, Ellyssa: The Hive Mind: Folksonomies and User-Based Tagging [16]

Tags

  • Bibliothek 2.0
  • Folksonomy
  • social bookmarking services
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