Wikiality

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Wirklichkeitsbildung durch Konsens statt Fakten?

Hier soll mit dem Begriff "Wikiality" eine kritische Auseinandersetzung mit Wikipedia stattfinden. Dies geschieht anhand der These, dass die Mehrheit oder eine dominantere Interessengruppe über die Manifestation von Aussagen in Wikipedia und damit über Wirklichkeitsbildung entscheidet.


Wikiality

Mit dem Begriff "Wikiality" beschreibt der Satiriker Stephen Colbert die Situation, in der die Mehrheitsverhältnisse in Wikipedia darüber entscheiden, ob eine Information wahr oder falsch ist. Es entsteht auf diese Weise eine Realität, die sich auf den Konsens der Autoren und Administratoren gründet, aber nicht primär auf überprüfbaren Fakten (1).


"You see, any user can change any entry, and if enough other users agree with them, it becomes true. ... If only the entire body of human knowledge worked this way. And it can, thanks to tonight's word: Wikiality. Now, folks, I'm no fan of reality, and I'm no fan of encyclopedias. I've said it before. Who is Britannica to tell me that George Washington had slaves? If I want to say he didn't, that's my right. And now, thanks to Wikipedia, it's also a fact. We should apply these principles to all information. All we need to do is convince a majority of people that some factoid is true. ... What we're doing is bringing democracy to knowledge." Stephen Colbert


Zur Verdeutlichung der These rief Stephen Colbert im US-Fernsehen dazu auf, den Wikipedia-Artikel über Elefanten durch die Behauptung abzuändern, die Elefantenpopulation habe sich in den letzten 6 Monaten verdreifacht. Zahlreiche Nutzer folgten diesem Aufruf und schliesslich mussten ca. 20 Artikel über Elefanten gesperrt werden, um weiteren Schaden abzuwehren. Darunter befand sich auch der deutschsprachige Artikel: Diskussion:Elefanten

Beispiele

Die Manipulation des Eintrages über Elefanten ist auch für Unwissende recht klar zu erkennen - es gibt aber häufig weniger klar erkennbare "Korrekturen" von Wikipedia-Artikeln mit dem Ziel der langfristigen interessengebundenen Meinungsbildung.

Als Beispiele dafür können zunächst nur Änderungen an Wiki-Einträgen dienen, deren Tendenziösität erkennbar oder aufgrund allgemein zugänglicher Informationsquellen prüfbar ist.

  • So wurden etwa im Wiki-Artikel über den US-Kongressabgeordneten Marty Meehan diejenigen Wahlversprechen, die er gebrochen hatte, kurzerhand von seinen Mitarbeitern aus dem Artikel entfernt (2).
  • Die US-Behörden FBI und CIA haben Wikipedia-Einträge zur Irak-Invasion editiert. So wurden unter anderem eine Grafik über Kriegstote manipuliert, Angaben zu Todesursachen gelöscht und die Aussage eingefügt, dass die Anzahl der Toten in vielen Fällen nicht belegt sei. Zudem sind Fotografien des Gefangenenlagers Guantanamo entfernt worden (3),(4).

Wikipedia erlaubt es aufgrund seines Prinzips, jede Person Einträge erstellen oder editieren zu lassen. Dies wird rege durch Interessenverbände und PR-Agenturen zwecks Imagepflege von Unternehmen, Unternehmern oder politischen Vorhaben genutzt (5).

  • Ein Beispiel hierzu ist das deutsche "Problem-Atomkraftwerk" Biblis. Hier haben in der Vergangenheit mehrere Störungen das Vertrauen der Bevölkerung in die Sicherheit des Kraftwerkes geschädigt. Eine Änderung des deutschen Wikipedia-Artikels ("Das Kraftwerk Biblis ist ein Meilenstein in puncto Sicherheit") konnte anhand der IP-Adresse dem Netzwerk des Stromkonzernes und Kraftwerkeigners RWE zugeordnet werden (6).
  • Der US-Handelskonzern Wal Mart nutzt Wikipedia ebenfalls für Imagebildende Massnahmen. Als die schlechten Arbeitsbedingungen sowie die unterdurchschnittliche Bezahlung der Wal Mart-Mitarbeiter in den USA bekannt wurde, wurde der Wiki-Eintrag zum Unternehmen editiert. Plötzlich war die Information zu lesen, die Mitarbeiter erhielten "im Schnitt etwa das Doppelte des gesetzlichen Mindestlohns". Diese Aussage ist zutreffend, wenn man alle ausgezahlten Gehälter, also auch die Managergehälter addiert und durch die Gesamtmitarbeiterzahl teilt. Ein Jahr später verkündete das Unternehmen eine Gehaltskürzung für alle Angestellten (7),(8).

Das Tool Wikiscanner ermöglicht diese nachträgliche Zuordnung der IP-Adresse zur getätigten Änderung auf Wikipedia. Dieses Tool bietet jedoch keinen verlässlichen Schutz vor Fehlinformation, da die Einträge künftig einfach über private IP-Adressen editiert werden können und so dahinterstehende Interessengruppen oder Unternehmen nicht identifiziert werden können (9).

Manipulationen in anderen Publikationsorganen

Man könnte die Grundannahme formulieren, dass überall, wo Erkenntnisse als Tatsachen manifestiert werden (also Lexika, Lehrbücher, Nachschlagewerke i.W.S.), die Gefahr der Manipulation besteht. Im folgenden werden verschiedene Publikationsorgane auf Manipulationen untersucht.

Lehrbücher

Da man nicht ganz offensichtliche Manipulationen oder Wahrheitsbeugungen am Besten im Vergleich mit einer anderen Quelle entdecken kann, habe ich mich zunächst auf Schulbücher in der DDR konzentriert. Besonders die Wertungen im Zusammenhang mit der Marktwirtschaft unterscheiden sich stark von den unseren, unterlagen jedoch staatlicher Vorgaben. Dies stellt den wie ich finde grossen Unterschied zu Wikipedia dar. Fundamentale Meinungsbildung funktionierte früher primär durch staatliches Zutun (Schulbücher, Schulunterricht,Propaganda, Zensur).

  • In der ehemaligen DDR waren im Sinne der umfassenden Volkserziehung auch die Schulbücher stark antikapitalistisch geprägt. Ein Geographiebuch der Klassenstufe 4 erklärt zur benachbarten Bundesrepublik: "Die DDR grenzt im Westen an die Bundesrepublik Deutschland (BRD). Die BRD ist ein kapitalistischer Staat. Hier haben die Kapitalisten die Macht. Die Staatsgrenze zwischen der DDR und der BRD ist eine Grenze zwischen Sozialismus und Imperialismus. Diese Grenze wird (...) sicher geschützt." In einem Buch für den Musikunterricht ebenfalls aus der Klassenstufe 4 befindet sich das Kinderlied "Friedenskäpfer, Grenzsoldaten stehen für uns auf der Wacht" (10),(11),(12) .
  • In heutigen Schulbüchern Deutschlands werden die Schüler auch heute noch für parteipolitische Ziele sensibilisiert. In einem Erdkundebuck der Klasse 11 wird die derzeitige Klimapolitik der Bundesregierung unterstützt: „Auch wenn ein zwingender Nachweis weltweiter Klimaänderungen durch den Menschen [...] nicht möglich ist, sollte sich die Weltgemeinschaft zu raschen und energischen Abwehrmaßnahmen zusammenfinden.“ Neben vielen Besipielen aus der Umwelt- und Sozialpolitik finden sich in deutschen Schulbüchern auch parteipolitische Aussagen aktuellen Bezuges: „Der Staat muss notleidenden Unternehmen helfen (Strukturpolitik).“ (13),(14),(15)
  • Eine vor allem in der Sowjetunion angewandte Methode der Zensur war das "Verschwindenlassen" in Ungnade gefallener Personen aus allen Aufzeichnungen, Fotografien, Lexika usw. So wurden historische Fotografien mitunter noch Jahre später retuschiert (16), (17), (18).

Fachliteratur

Seriöse Fachliteratur muss durch Objektivität bestechen. Da Fachliteratur und Nachschlagewerke in Buchform recht kostenintensiv in der Anschaffung sind und ihrem Zwecke nach über mehrere Jahre hinweg korrekte Angaben liefern müssen (ausser natürlich zu Themen, die starken Schwankungen unterliegen, z.B. Steuerrecht), sichert die Seriosität und die Qualität das Marktbestehen dieser Fachliteratur und Nachschlagewerke (19).

Massenmedien

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Auch Originalquellen bieten Interpretationsspielraum
Als private Interessengruppe ist eine fundamentale, nicht-staatlich unterstützte Meinungsbildung nur mit erheblichem Aufwand realisierbar, so etwa durch massive Werbekampagnen oder gar den Kauf eigener Zeitungen oder TV-Stationen als Träger der zu propagierenden Meinungen (vergl. Kronenzeitung (20), (21), Bild-Zeitung (22), Fox News (23)).

Als Beispiel für eine privat lancierte PR-Aktion im grossen Stil möchte ich hier den Fall "Nayirah" anführen. Als im Jahre 1990 das US-Repräsentantenhaus sowie der Senat den Eingriff in den Irak-Kuwait-Konflikt diskutierte, trat eine junge Frau namens Nayirah vor dem Repräsentantenhaus auf. Sie berichtete unter Tränen, was sie als Helferin in einem kuwaitischen Krankenhaus Gräueltaten der Irakischen Armee beobachten musste: "Ich habe gesehen, wie die irakischen Soldaten mit Gewehren in das Krankenhaus kamen [...], die Säuglinge aus den Brutkästen nahmen, die Brutkästen mitnahmen und die Kinder auf dem kalten Boden liegen liessen, wo sie starben." (24)

Dieser vermeintliche Augenzeugenbericht wurde von Medien und Politikern als Rechtfertigung angeführt, eine Invasion der US-Armee in den Irak durchzuführen. Auch in Berichten von Menschenrechtsorganisationen, darunter Amnesty International, wurde die Geschichte von Nayirah aufgeführt. Wenige Monate später beschlossen der Senat und das Repräsentantenhaus die Invasion in den Irak (25).

Später stellte sich heraus, dass die Geschichte frei erfunden war und es sich bei dem Mädchen in Wahrheit um die Tochter des Kuwaitischen Botschafters in den USA handelte. Eine PR-Agentur wurde im Vorfeld des Auftrittes vor dem Repräsentantenhaus für damals 10 Mio. US$ von einer Interessengruppe beauftragt, die frei erfundene Geschichte publik zu machen und so die Einstieg der USA in den zweiten Golfkrieg zu ermöglichen (26).

Unternehmenspublikationen

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Siemens CEO

Auch in Pressemitteilungen und Unternehmensportraits wird im Dienste der Imagepflege manipuliert. Das offizielle Pressefoto des Siemens CEO im Jahre 2004, Klaus Kleinfeld, zeigt denselben mit einer Rolex-Uhr am Handgelenk. Ein Jahr später wurde das Pressefoto noch immer offiziell von Siemens zur Verfügung gestellt, inzwischen allerdings ohne die teure Uhr. Das Unternehmen geriet zu dieser Zeit auch wegen Veränderungen der eigenen Wikipedia-Einträge in die Kritik (16), (27).

Zusammenfassung

  • Fachverlage und seriöse Nachschlagewerke sind institutionell - sie müssen durch Objektivität und Korrektheit bestechen. Qualität sichert das Marktbestehen.
  • Eine Beeinflussung der öffentlichen Meinung über klassische Massenmedien durch Politik, PR/Wirtschaft & Lobbyisten ist nach wie vor existent. Diese propagierten Aussagen finden jedoch oft mangels Relevanz keinen Einzug in seriöse Lexika und Fachliteratur.
  • Die direkte Einflussnahme auf Wiki-Artikel ist jederzeit durch jeden möglich - Wikipedia verliert in bestimmten Gebieten, die aktuell politischen und/oder wirtschaftlichen Interessen ausgesetzt sind an Referenzqualität, denn wer in Massenmedien kolportierte Aussagen überprüfen will, greift aufgrund der Aktualität der Informationen auf Wikipedia zurück, wo gute PR-Berater parallel oder im Vorfeld der Pressearbeit entsprechende "Tatsachen" geschaffen haben werden.

Historisch und gesellschaftlich anerkannte und durch seriöse Sekundärquellen überprüfbare Aussagen werden in Wikipedia wenig Möglichkeit zur Manipulation bieten. Unwissenschaftliche, tagesaktuelle und künftige Themen aus allen relevanten Bereichen jedoch schon. Diese der interessengebundenen Änderungen ausgesetzten Informationen finden dank Nutzung von Wikipedia als Referenz für Journalismus und Alltagswissen Einzug in die öffentliche Meinung und können damit langfristig auf die Wirklichkeitsbildung einwirken.

Poster

Die Ergebnisse der Recherchen aller Kursteilnehmer werden am 08.12.08 im Forschungskolloqium im Pharmazentrum der Universität Basel präsentiert. Poster und Handout meiner vorläufigen Ergebnisse sind hier als pdf-Datei abrufbar.

Verweise

  1. The Colbert Report, MTV Networks, 31. Juli 2006
  2. Marty Meehan Änderungen
  3. http://www.heise.de/newsticker/Wikipedia-und-Guantanamo--/meldung/100497
  4. http://www.heise.de/newsticker/Berichte-CIA-und-FBI-griffen-in-Wikipedia-ein--/meldung/94535
  5. Jeder dritte DAX-Konzern manipuliert bei Wikipedia
  6. Kernkraftwerk Biblis Änderungen
  7. Wal Mart Änderungen
  8. Wal Mart Stellenkürzungen
  9. Wikiscanner
  10. Eckhard John (Hrsg.): Die Entdeckung des sozialkritischen Liedes, 2006 Waxmann Verlag. Darin: Peter Fauser, S. 108 # [1]
  11. Jörg Rösler: "DDR" und DBR. Sprachpolitik im kalten Krieg, in: UtopieKreativ, H.187 (Mai 2006), S. 389-396 [2]
  12. Heimatkunde 4.Klasse, VEV Berlin, 4. Auflage, Dresden, 1987
  13. Gary James Merrett: Marktwirtschaft in Schulbüchern, Liberales Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung Berlin, 2008
  14. Terra Erdkunde 11, Niedersachsen, Klett-Perthes, S. 174
  15. Politik & Co 2, Politik-Wirtschaft für das Gymnasium, C.C Buchners 2007, S. 140
  16. Damnatio Memoriae
  17. Manipulation von Bildern
  18. Manipulierte und manipulierende Bilder in Politik und Propaganda
  19. Wikipedia Chef Arne Klempert zur Aktualität von gedruckten Lexika
  20. Kronenzeitung: Marktmethoden
  21. Kronenzeitung: Kritik
  22. Bild Zeitung: Konsequenzen
  23. Fox News Channel Controversies
  24. Der Fall "Nayirah
  25. Nurse Nayirah
  26. Bericht über die "Brutkastenlüge", Berliner Zeitung, 06.10.2007
  27. Siemens editiert eigene Wikipedia-Einträge

Siehe auch