Non-Linearität

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Die Non-Linearität ist ein wesentliches Element der Hypertext-Theorie. Die Informationseinheiten sollen modular und für sich genommen verständlich sein. Dann spielt die Reihenfolge, in der diese Informationseinheiten gelesen werden, keine Rolle mehr. Die Leser/innen können entscheiden, in welcher Reihenfolge sie die Texte lesen wollen: Sie werden zu "Wreadern".


Kontrolle über den Verständnis-Prozess

Mit der Non-Linearität ist das Verhältnis von Autor/innen zu Leser/innen angesprochen. Können die Autor/innen vorgeben, wie die Leser/innen die Texte aufnehmen sollen? Wollen die Leser/innen die Inhalte selber entdecken oder lieber sich durch einen von Autor/innen dargestellten Sachverhalt führen lassen? Dass die Autor/innen keine Kontrolle darüber besitzen, wie ihr Text gelesen wird, gilt nicht nur für Hypertexte. Auch bei einem Buch steht es den Leser/innen frei, in welcher Reihenfolge sie Seiten oder Kapitel lesen wollen. Doch beim Hypertext ist es für die Autor/innen schwieriger, durch die Anordnung der Textteile deutlich zu machen, wie der Text ihrer Ansicht nach gelesen werden sollte, bzw. wie sie ihn gemeint haben.

Diese Feststellung muss allerdings präzisiert werden. Einerseits können Hypertexte sehr wohl linear angelegt sein. Die Links ermöglichen den Leser/innen dann lediglich die schnelle Navigation innerhalb des Textes. Diese Umsetzung von linearen Texten in das Hypertext-Format ist relativ häufig. So wird das Web zu einer Publikationsvariante für einen Text, der vor allem in Bezug auf Verweise und Quellennachweise den Leser/innen zusätzlichen Komfort bietet, weil die entsprechenden Dokumente mit einem Mausklick aufgerufen werden können.

Andererseits werden mit non-linearen Hypertexten auch Aussagen gemacht. Denn nicht nur die Reihenfolge, sondern auch die Auswahl der miteinander verlinkten Texte (und die Art der Verlinkung), liegen in der Hand der Autor/innen. Gerade bei elaborierten, interaktiven virtuellen Lernumgebungen (oder auch bei Adventure-Games) ist zu beachten, dass diese Umgebungen programmiert und die verschiedenen Varianten zuvor von den Autor/innen festgelegt worden sind. Den Leser/innen bleibt nur die Auswahl, welche Texte (oder Informationseinheiten, Knoten, Micro-Content) sie zur Kenntnis nehmen wollen und in welcher Reihenfolge dies geschehen soll.

Diese Situation wird erst aufgebrochen durch kollaborative (also wirklich interaktive) Möglichkeiten der Gestaltung von Hypertexten, wenn die Leser/innen den Text oder die Links verändern können, oder Links zu anderen Informationseinheiten neu erstellen, bzw. selber neue Informationseinheiten erstellen können. Wenn jeder Leser und jede Leserin den Text verändern und erweitern kann, ist die Rolle des Autors neu zu bestimmen. Es handelt sich dann nicht mehr um ein Individuum oder um eine Gruppe, die den Inhalt und die Aussagen verantworten im Hinblick auf Konsistenz und Verlässlichkeit. Hier kommen dann andere Mechanismen zum Zuge.

Allerdings hat nicht nur die nicht-lineare Anordnung, sondern vermutlich auch die in sich geschlossene Formulierung der Informationseinheiten einen Einfluss auf den Verständnisprozess.

Ist Hypertext ICT-gebunden?

Hypertext ist gemäss Ted Nelson, der den Begriff geprägt hat, nicht zwingend an Computer oder an ICT gebunden, hat sich aber durch die Verbreitung von ICT und besonders des Webs eine populäre Verbreitung erlangt. Hypertext ist mittlerweile nicht mehr nur eine avantgardistische Idee und Informatik-Experiment sondern hat im Alltag breiter gesellschaftlicher Schichten Einzug gehalten. "Wissenschaftliches Schreiben" in Form von nicht-linearen Hypertexten ist jedoch kaum verbreitet. Auch Landow und Bolton schreiben ihre Texte über Hypertext konventionell linear. Vielleicht sind Hypertexte nicht kompatibel mit den Gepflogenheiten wissenschaftlichen Gedankenaustausches und Publizierens? In diesem Zusammenhang ist das Buch "1926" von Gumbrecht von besonderem Interesse. Handelt es sich dabei um einen Hypertext? Und wenn ja, warum erschien der Text in Buchform?

Ähnliche Ausprägungen wie der Hypertext sind auch in Ausstellungen zu finden. Ausstellungen sind oft multimedial gestaltet und nicht-linear aufgebaut. Die Elemente sind für sich verständlich, die Leser/innen können innerhalb der räumlichen Anordnung von einem Element zu einem nächsten wechseln, sie sind dabei (je nach räumlicher Situation) sogar freier als in verlinkten Hypertexten, da sie den Gesamtzusammenhang überblicken können. Allerdings gibt es auch sehr lineare Ausstellung, die die Informationsaufnahme vorgeben. Und: Ausstellungen sind auch kein Ort wissenschaftlicher Publikation.



HistCollaboratory: Navigationspfad von Jan Hodel

--Jan Hodel 14:07, 10. Feb 2006 (CET)