Kollaboratives Schreiben

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Version vom 18. Februar 2006, 23:49 Uhr von Jan Hodel (Diskussion | Beiträge) (Kollaboratives Schreiben als Teil gemeinsamer Wissensproduktion)
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Kollaboratives Schreiben vor und mit Hypertext

Gemeinsames, kollaboratives Schreiben ist nicht erst mit dem Aufkommen von Hypertext entstanden. Ede und Lunsford (1) haben bereits Ende der 1980er Jahre bestehende Formen kollaborativen Schreibens untersucht. Allerdings spielte die digitale Erfassung von Text für die Vereinfachung kollaborativer Schreibprozesse noch vor dem Durchbruch von ICT eine wichtige Rolle. Die Vereinfachung in der Überarbeitung von Texten am PC hat wesentlich zur Etablierung und Ausweitung von kollaborativen Schreibprozessen beigetragen.

Ede und Lunsford haben in ihrer Untersuchung vor allem Beispiele aus den Technik- und Naturwissenschaften, aus der Medizin und den Rechtswissenschaften untersucht. In den Geisteswissenschaften war und ist kollaboratives Schreiben nicht sehr verbreitet. Auch in den Geschichtswissenschaften zählen kollaborative verfasste Publikationen zu den Ausnahmen (eine aktuelle ist beispielsweise die Festschrift zum 150jährigen Jubiläum der ETH [2]). Das heisst aber nicht, dass nicht auch in den Geschichtswissenschaften viel gemeinschaftlich geschrieben wird, es wird nur selten explizit thematisiert. Ohne das intensive Gegenlesen von Texten durch Vertrauenspersonen könnten wohl viele geschichtswissenschaftliche Publikationen den angestrebten Qualitätsstandard nicht erreichen. Davon zeugen die Danksagungen in den Vorworten, aber auch die Erfahrungen mit eigenen Publikationsprojekten.

Arten des gemeinsamen Schreibens

Es gibt verschiedene Formen, wie gemeinsames Schreiben stattfinden kann (nach Zentel [4] und Dillenbourg [3], die ihre Überlegungen im Zusammenhang mit kollaborativem Lernen formulieren):

  • Kommunikation: Die Autor/innen verständigen sich bei einem gemeinsamen Publikationsprojekt über ihre Inhalte und stimmen diese untereinander ab (sofern dies nicht ein Redaktor oder Herausgeber übernimmt, bzw. die Funktion der Herausgeberschaft auch wieder gemeinschaftlich vorgenommen wird). Diese Form gilt für viele Sammelbände mit explizit ausgewiesenen Beiträgen von verschiedenen Autor/innen.
  • Konzeption: Diese Form geht dem eigentlichen Schreibprozess voraus und kann anschliessend in alle folgenden Formen gemeinsamen Schreibens münden. Die Autor/innen erarbeiten gemeinsam die Grundlagen, die Struktur des Textes und die Kernaussagen.
  • Kooperation: Kooperation ist das verteilte Schreiben, bei dem Autor/innen beispielsweise die Verantwortung für einzelne Kapitel oder Textteile übernehmen. Diese Form wird (wenn die Autor/innen und ihre Texte nicht explizit bezeichnet werden) oft auch dem kollaborativen Schreiben zugeordnet.
  • Kollaboration: Bei der Kollaboration erarbeiten alle Mitglieder des Autor/innen-Teams den Text gemeinsam. Diese Arbeitsform kann als Versioning (Bearbeiten des Textes durch die Mitglieder zeitlich nacheinander; beispielsweise durch Weiterreichen eines Worddokuments) oder als paralleles Schreiben (zeitgleiches, gemeinsames Bearbeiten des Textes, etwa in Wikis oder anderen ICT-gestützten kollaborativen Schreibtools) angewendet werden.

Hierarchisch vs. Dialogisch

Ede und Lunsford unterscheiden zwei grundsätzlich verschiedene Ansätze des kollaborativen Schreibens. Beim hierarchischen Ansatz leitet eine Person, oftmals der oder die Verantwortliche des Projekts, den gesamten Entstehungs- und Gestaltungsprozess, definiert Rollen, verteilt Aufträge und überwacht den Fortgang der Arbeiten. Demgegenüber steht der dialogische Ansatz, bei welchem die Mitglieder der Gruppe gemeinsam Entscheide fällen und den Arbeitsprozess und das Ergebnis verantworten. Diese unterschiedlichen Ansätze können sich in der Nennung der Autor/innen äussern, wenn etwa nur die Projektleiter/innen genannt werden oder an erster Stelle gesetzt werden. Es kann aber vorkommen, dass Einfluss beim Verfassen des Textes sich nicht in der Nennung als Autor spiegelt. Auch sonst warnen Ede und Lunsford vor zu einfachen Zuschreibungen zu den verschiedenen Ansätzen des kollaborativen Schreibens.

"It might be tempting, given these and other examples, to set these two modes, the hierarchical and the dialogic, in binary opposition and to argue for one (the dialogic) as liberatory and postmodern and for the other (the hierarchical) as oppressive and phallogocentric. But such an opposition is both harmfully reductive in its oversimplification and false to our own experience as writers and teachers of writing. [...] But the hierarchical mode can also compris scenes of shared power and authority and lead not only to efficiency but to great job satisfaction." (Ede/Lunsford, S. 134)

Für die Geschichtswissenschaften liegen keine Studien vor, welche dieser Formen bei den wenigen Beispielen kollaborativer Publikationen zur Anwendung gelangen.

Kollaboratives Schreiben mit ICT

Als Sonderform des Kollaborativen Schreibens kann das Kollaborative Schreiben mit ICT gelten. Darin sind im Moment besonders Weblogs und Wikis von besonderem Interesse, die als Social Software für die Neuerungen des web 2.0 stehen. Im Rahmen von Lernmanagement-Systemen sind vor allem Foren Ort des kollaborativen Schreibens, oder Dokumenten-Ablagen, in welchen Textverarbeitungs-Dateien im Sinne des Versionings bearbeitet werden. Bei Wikis ist der Fall Wikipedia von besonderem Interesse, da er viel Aufmerksamkeit auf sich zieht und wegen der grossen Zahl von Beiträgen und Teilnehmer/innen eine interessante Untersuchungsbasis bietet.

Kollaboratives Schreiben als Teil gemeinsamer Wissensproduktion

Die Chancen und Möglichkeiten gemeinsamer Wissensproduktion hat die Pädagogik seit längerer Zeit interessiert. Daraus entstanden auch Modelle des Computer Supported Collaborative Work (CSCW) oder des Computer Supported Collaborative Learning (CSCL), die in der aktuellen Diskussion um vielversprechende didaktische Szenarien für den Einsatz von ICT in der Lehre hoch gehandelt werden. (Vgl. Fischer (5,6), Dillenbourg (3)).

(ev. noch links zu wikipedia oder anderen Websites oder Literaturhinweise, ev. noch extra Artikel??)

Literatur

  1. Ede, Lisa; Lunsford, Andrea: Singular texts/plural authors. Perspectives on collaborative writing, Carbondale: Southern Illinois University Press 1992
  2. Gugerli, David, Kupper, Patrick; Speich, David: Die Zukunftsmaschine. Konjunkturen der ETH Zürich 1855-2005, Zürich: Chronos 2005
  3. Dillenbourg, Pierre (Hg.): Collaborative Learning: Cognitive and Computational Approaches, Amsterdam: Pergamon 1999
  4. Zentel, Peter, Hesse, Friedrich W.: Netzbasierte Wissenskommunikation in Hochschule und Weiterbildung. Die Globalisierung des Lernens, Bern: Hans Huber 2004
  5. Fischer, Frank, Waibel, Mira Chr.: "Wenn virtuelle Lerngruppen nicht so funktionieren wie sie eigentlich sollten", in: Rinn, Ulrike, Wedekind, Joachim: Referenzmodelle netzbasierten Lehrens und Lernens. Virtuelle Komponenten der Präsenzlehre, Münster: Waxmann 2002, S. 35-50
  6. Fischer, Frank: Gemeinsame Wissenskonstruktion – Theoretische und methodologische Aspekte (Forschungsbericht Nr. 142). Ludwig-Maximilians-Universität, Lehrstuhl für Empirische Pädagogik und Pädagogische Psychologie, München: LMU 2001 (http://epub.ub.uni-muenchen.de/archive/00000250/ (Zugriff vom 1.2.2006))
  7. Wenz, Karin: "Zeichen lesen: Hypertext revisited", in: Hess-Lüttich, Ernest W.B. (Hg.): Medien, Texte und Maschinen. Angewandte Mediensemiotik, Frankfurt a.M./Bern/New York: Lang 2001, 91-104, S. 91



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--Jan Hodel 14:59, 10. Feb 2006 (CET)