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Exkursion ins Papiermuseum im St. Alban-Tal in Basel

Anlässlich unseres Ausfluges zur Papiermühle am 4. Oktober, stellen wir euch einige Informationen hier aufs Netz. Sicherlich ist es für diejenigen hilfreich, welche das Papiermuseum noch nicht kennen und gerne etwas im Voraus darüber erfahren möchten. Weitere interessante Aspekte über das Papiermuseum findet man auch auf deren Homepage http://www.papiermuseum.ch

Papiermuehle.jpg Noch mehr Bilder des Papiermuseum gibt es auf flickr!

Berichte und Eindrücke

Es war ein äusserst lehrreiches und spannendes Programm, das uns Peter F. Tschudin heute im Papiermuseum präsentiert hat. Tschudin war von 1974 bis 2002 wissenschaftlicher Leiter des Papiermuseums und gehört weltweit zu den renommiertesten Papierhistorikern. In vier Gruppen konnten wir uns in einem ersten Teil das Museum anschauen und versuchen, die von Tschudin gestellten Fragen zu beantworten: Es ging um die Entstehung der Schrift, um die Bedeutung Gutenbergs für den Buchdruck, um die Druckerstadt Basel und um einige frühe Drucke aus Basel. Im zweiten Teil diskutierte Tschudin mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Kurses diese Fragen und beeindruckte wohl alle mit seinem breiten und fundierten Wissen und mit seiner Gabe, komplizierte Zusammenhänge verständlich darzustellen (aus: weblog.histnet.ch).--Haber 21:54, 4. Okt 2007 (CEST)

"Das Buch wurde mehrfach und an verschiedenen Orten erfunden." (P.F.Tschudin)

Die Museumsgebäude im St. Alban-Tal

In der Mitte des 12. Jahrhunderts liess der Konvent des Cluniazenser-Klosters St. Alban einen Kanal bauen, dessen Wasserkraft zwölf Mühlen zum Betreiben ihrer Wasserräder zur Nutzung erhielten. Zehn dieser Mühlen wurden im Mittelalter zu Papiermühlen umgebaut.

Seit dem Jahre 1980 beherbergen die Stegreif- und die Gallicianmühle das heutige Papiermuseum. In diesen beiden Gebäuden wurde 446 Jahre lang, bis 1924, Papier hergestellt. Von der Blüte der Familie Gallician zeugen noch heute die prächtigen Räume im Erdgeschoss und im 1. Obergeschoss.

Das Museum

Das Papiermuseum ist ein Arbeitsmuseum mit den drei Schwerpunkten Papier, Schrift und Druck.

Die Sammlungen der Basler Papiermühle umfassen die technische und kulturelle Entwicklung von Papier, Schrift und Druck, die mit der Einberufung des Konzils zu Basel Mitte des 15. Jahrhunderts kraftvoll einsetzte.

Das Besondere des Papiermuseums ist nicht nur die echte, ursprüngliche Atmosphäre der alten Gewerbegebäude, sondern auch das Museumskonzept, das den Einbezug der praktischen Arbeit mit alten Geräten und Maschinen in die Ausstellungen vorsieht und dem Besucher die Gelegenheit gibt, sich selbst in der weissen oder schwarzen Kunst zu versuchen.

Schliesslich sei noch erwähnt, dass das Museum seit 1983 von der Schweizerischen Eidgenossenschaft als Eingliederungsstätte für den Einsatz Behinderter und seit 1985 als Schweizerisches Papiermuseum anerkannt ist.

Ganz aktuell ist übrigens auch ein Bericht des Regierungsrates des Kantons Basel-Stadt an den Grossen Rat, in dem die Regierung die Fortführung der staatlichen Unterstützung für die nächsten Jahre beantragt. Wie immer in solchen Dokumenten, findet man hier sehr übersichtlich die wichtigsten Eckdaten über die Funktionsweise und die Bedeutung des Museums. Das Dokument gibt es hier.

Ein exemplarisches Exponat: Die "Boston-Tiegelpresse"

Exemplarisch für die zahlreichen Exponate, die den Besucher, die Besucherin in der Basler Papiermühle zum Staunen bringen, sei hier die sogenannte Boston-Tiegelpresse vorgestellt, eine Druckerpresse, mit der im Papiermuseum sogar selbst gedruckt werden kann. Die Boston-Tiegelpresse wurde wie der Name sagt in Boston / USA erfunden, und zwar etwa um 1850. Sie wirkt geradezu handlich gegenüber ihren Vorgängern, und mit ihr liessen sich kleine Drucksachen mühelos zu Papier bringen, womit die Presse einen Bedarf deckte, der Mitte des 19. Jahrhunderts verstärkt entstanden war: für den Druck von Flugblättern, Privatdrucksachen etc. Was die technischen Details betrifft, so war die hand-, motor- oder fussbetriebene Boston-Tiegelpresse die erfolgreichste unter ihresgleichen, den Tiegeldruckpressen- Druckerpressen, bei denen sowohl der Press- als auch der Gegendruckkörper jeweils eine ebene Fläche bilden. Bei der Boston-Tiegelpresse entsteht der Druck, indem ein Druck-Tiegel um eine Welle schwingt und am Druckpunkt gegen ein fest fixiertes, senkrechtes Fundament klappt, auf dem wiederum die Druckform angebracht ist. Die Vorteile der eisernen Druckpresse: Preiswerte Anschaffung, geringer Platzbedarf, einfache Einrichtung und leichte Handhabung. Zumindest letzteres konnten wir beim Besuch in der Papiermühle erfolgreich testen, und zwar beim Druck mit einem Exemplar der Boston-Tiegelpresse. Auf dem Bild das Ergebnis des Drucks.


Papiermühle Druck.jpg

Basler Buchdruck in der frühen Neuzeit

Die wichtigsten Basler Drucker

1467 gründete Berthold Ruppel die erste Basler Druckerei. Ihm folgten Michael Wenssler, Bernhard Richel, Martin Flach und 1477 oder 1478 Amerbach, dessen Betrieb 1513 Froben übernahm. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts gab es nebst Froben mehrere bekannte Basler Verleger: Heinrich Petri, Episcopius, Herwagen, Oporinus und Pietro Perna. Einzig Oporinus ist gebürtiger Basler, die andern wurden durch den schon damals guten Ruf des Basler Druckes in diese Stadt gelockt. Mit dem Humanismus der Renaissance kam Latein – die wichtigste Sprache der Basler Drucker – aus der Mode. Dass die Basler nicht auf moderne Sprachen umgestiegen sind ist laut Bietenholz, einer der Gründe, weshalb es in dieser Zeit mit dem Basler Buchdruck gegen langsam bergab ging.

Gründe für den Erfolg des Basler Buchdrucks

Von Anfang an arbeiteten die Basler Drucker mit den Studenten, Professoren und Alumni der Universität zusammen, die als Setzer, Lektoren und Editoren arbeiteten. Im Gegenzug konnten sie teilweise ihre Werke veröffentlichen.

Der Basler Buchdruck war kosmopolitisch, was es auch seiner Lage verdankte. Gedruckt wurden etwa Werke von französischen, italienischen, spanischen, englischen und holländischen Autoren. Auch verkauft wurden die Bücher meist ausserhalb der Schweiz.

Man gab sich Mühe, die Texte vollständig und philologisch korrekt, förmschön und der wissenschaftlichen Arbeit durch Indices erschlossen, herauszugeben.“(Bietenholz). Basel war vor allem bekannt für seine gediegenen Foliobände.

Zudem waren die Basler stets um Aktualität bemüht, bzw. darum, nach der Nachfrage zu produzieren. So erstaunt es z.B. nicht, dass Frobens erstes Werk in Basel eine Taschenbibel war, die reissenden Absatz fand und so den Anfang seines Erfolgs bildete. (Die Schriftgrösse in der genannten Taschenbibel entspricht übrigens in etwa der heutigen Grösse 6 Punkt!)

Nebst Druckereien gab es in Basel auch Papiermühlen. Häufig wurde dieses Papier jedoch exportiert und auf günstigeres Papier aus dem Ausland gedruckt, um den Gewinn zu steigern. Trotzdem war die Papierproduktion im mittelalterlichen Basel mit zehn Mühlen verglichen mit anderen Städten immens. Nicht zuletzt war auch das hochwertig qualitative Papier für den Erfolg der Basler Buchdrucker ausschlaggebend. Die ebenfalls sehr hohe Haltbarkeit, kann man an alten Bänden im Papiermuseum selber überprüfen.

Basler Druckern gelang es dank exakter und schöner Arbeit, grosse Autoren anzuwerben. Vor allem zwischen Froben und Erasmus bestand eine intensive Zusammenarbeit; Erasmus wohnte gar bei „seinem“ Drucker. Als Froben auch für Luther zu drucken begann, stellte ihm 1519 Erasmus ein Ultimatum, entweder für ihn oder für Luther zu arbeiten, dem Froben nachgab.

Erst 1524 wurde die Zensur eingeführt, die jedoch kaum durchgesetzt wurde. Auch nach den neuen Verordnungen von 1531, 1542 und 1558 wurde nicht härter durchgegriffen. Nur wenn sich jemand beim Rat beschwerte, drohte dem Drucker die Konfiskation der betroffenen Bücher, eine Busse oder allenfalls eine kurze Kerkerhaft. Dieses Risiko gingen Basler Drucker häufig ein, was dazu führte, dass Basel von allen Druckerzentren gewöhnlich am meisten verbotene Titel in lateinischer Sprache herausbrachte.

Der Basler Buchdruck trug mit dem Neuen Testament des Erasmus, welches 1516 erschien und das Luther vor seinem Thesenanschlag gelesen haben soll, sowie durch die Ausgaben der Kirchenväter zur Verbreitung des reformatorischen Gedankenguts bei. Die Basler Drucker kümmerten sich jedoch weder vor noch nach der Reformation um die Konfession des Verfassers, solange ein Titel gute Verkaufschancen hatte. In Basel wurden gar religiöse Texte katholischer Verfasser gedruckt sowie ein Koran und ein Talmud.

Gedruckt wurden auch Titel, die zwar finanziell keine grossen Gewinne versprachen, aber dem Prestige dienten.

Basler trieben die Druckerei nicht nur in ihrer Heimatstadt, sondern auch ausserhalb voran. Die erste „university press“ an der Sorbonne in Paris ist zum Beispiel Heynlin von Stein zu verdanken, der diese 1458 nach seiner Rückkehr aus Basel, wo er mit Amerbach zusammen gearbeitet hatte, gründete. Für den ersten Buchdruck in manchen Städten auf der iberischen Halbinsel sind ebenfalls Basler verantwortlich: Fadrique de Basilea druckte etwa in Burgos, wo er unter anderem die Celestina und eine lateinische Übersetzung des Narrenschiffs herausbrachte.

Literatur: Bietenholz, Peter: Der Basler Buchdruck und die Reformation, Szeged 1998, Bietenholz, Peter: Der italienische Humaismus und die Blütezeit des Buchdrucks in Basel. Die Basler Drucke italienischer Autoren von 1530 bis zum Ende des 16. Jahrhunderts, Basel und Stuttgart 1959, Bloch, Eileen: Erasmus and the Froben press: The making of an editor, Library Quarterly, 1965, S. 109-120, Gilly, Carlos: Spanien und der Basler Buchdruck bis 1600, Basel 1985, Hilgert, Earle: Johann Froben and the Basel University Scholars, 1513-1523, Liberary Quarterly, 1971, S. 141-169.


Weiterführende Literatur

Auf der Literaturliste finden sich einige Texte, die zum Ausflug ins Papiermuseum passen, so insbesondere das in der Sitzung mehrfach erwähnte Buch von van der Haegen und der Text von Tschudin. Sehr gute (kürzere) Texte zum Thema findet man im Historischen Lexikon der Schweiz, so zum Beispiel zum Thema Buchdruck, Papier oder Schrift. Unnötig zu erwähnen, dass die meisten der einschlägigen Lemmata von Peter F. Tschudin verfasst worden sind ...


Der oben erwähnte Text von Peter F. Tschudin "Auf den Spuren des alten Basler Buchgewerbes" ist ein guter Einstieg. Hier eine Kurzzusammenfassung:

Im Keller und den Planieschichten des Hofes an der St.Alban-Vorstadt wurden 2500 Fundstücke der Drucktechnik aus der Inkunabelzeit (Drucke vor 1500) gefunden. Diese sind generell sehr rar. Die wichtigsten Objekte aus dem Buchdruck waren eine Letter, wahrscheinlich aus dem Typensatz Amerbach (ca. 1500), und ein Spatium (Setzmaterial für Wortabstände). Ausserdem fand man Schliessnägel und Metalldrahtfragmente zur Befestigung des Satzes. Der Buchbinderei zuzuordnen sind z.B. ein Buchschliessen-Teil, eine Buchschliessen-Verstärkung, ein Buchdeckelbesatz und ein Randbesatz. Aus der Metallverarbeitung und dem Schriftguss fand man zahlreiche Topfscherben und Schlacken (Schriftguss), zwei Schmelztiegelchen aus Bronze, einen Griff, einen Fuss einer Dreibeinpfanne, ein Gravierwerkzeug, eine Zierscheibe und eine Tonapplike der Heiligen Barbara.

Die Objekte werden einer frühen Druckerwerkstatt zugeordnet, wo Satz, Druck und Letternguss ausgeübt wurde. Die Relikte können als "geschlossener Fundkomplex" (Tschudin, S.159) angesehen werden. Die kleinen Metallobjekte könnten darauf hinweisen, dass sie aus einer metallverarbeitenden Kleinwerkstatt stammen. Der Handwerker könnte, wie Gutenberg in seinen Anfängen, ein Schriftgiesser gewesen sein.

Die Fundstücke können nicht genau datiert werden. Die Letter stammt wahrscheinlch aus der oben erwähnten Schriftgiesser-Tätigkeit. Die Werkstattkeramik stammt ca. von 1425-1475, die Ofenkacheln von 1450. Die Buchstabenformen und die Zierscheibe könnte man auch ungefähr dieser Zeit zuweisen. Die Ausgräber ordnen die Objekte archäologisch in 3 Schichten ein. Obwohl die Objekte nur ungenau datiert werden können, sind Dokumente und Archivalien aufschlussreich. Die Hausgeschichte der St.Alban-Vorstadt 28 gibt einige Hinweise auf Tätigkeiten im Papier- und Druckhandwerk, aber keine auf metallverarbeitendes oder buchgewerbliches Handwerk vor 1520. Wer wohnte wirklich dort? Möglicherweise war ein Schlosser oder ein Kannengiesser dort tätig. Am wahrscheinlichsten ist aber Buchdrucker- und Binder Jakob Spidler von Schaffhausen. Er kam 1475 nach Basel und erwarb 1488/89 das Basler Bürgerrecht. Er hatte oft Schulden und kannte die Verleger Amerbach, Froben und Wensler. 1492 zog er aus der St.Alban-Vorstadt 28 weg und versuchte, eine Stampfmühle aufzubauen. 1513 starb er.

Auch wenn wir es nicht genau wissen, tragen die Fundstücke entscheidend zu unserem Wissen zum Basler Frühbuchdruck bei. Der Fund bestätigt z.B. die Weiterentwicklung der Technik Gutenbergs. Vermutlich war an der St.Alban-Vorstadt 28 eine Werkstatt, die Metallverarbeitung und Buchgewerbe vereinte.