Tod des Autors

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Version vom 12. Februar 2006, 23:34 Uhr von Jan Hodel (Diskussion | Beiträge) (Autorschaft, ICT und Geschichte)
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"Tod des Autors" ist ein Ausdruck, der auf den französichen Semiotiker und Philosophen Roland Barthes Roland Barthes zurückgeht. Der Ausdruck steht für das Anliegen der strukturalistischen Sprachwissenschaft, der auch Barthes angehörte, sich bei der Analyse von Texten weniger auf die Absicht des Autors zu stützen. Stattdessen sollte der Text selbst im Mittelpunkt der Analyse stehen. Damit sollten die Leser/innen ins Zentrum des Interesses gelangen und an Wichtigkeit beim Analyse-Prozess gewinnen. Daran schloss die Text-Interpretation Michel Foucaults an, der den Autor gleichsam aus dem Text verschwinden und den Text selbst zum Autor werden liess.

Hypertext

In den 1990er Jahren knüpfte George P. Landow an die strukturalistischen Theorien an, als er sich mit den Möglichkeiten und Konsequenzen der neu entwickelten Hypertext-Technologien befasste. Er verband die Ansichten des Strukturalismus (Barthes, Derrida) mit jenen der Hypertext-Theorie (Vannevar Bush und Ted Nelson). Die computergestützten, aber noch nicht internetbasierten Hypertext-Technologien schienen wie die Erfüllung dieser Theorien (siehe Schumacher(4))(Tim Berners Lee hatte 1989 gerade erst auf der Basis der Hypertext-Idee das World Wide Web entwickelt, bis zu seinem Durchbruch dauerte es aber noch einige Jahre). Von zentraler Bedeutung war insbesondere die Vorstellung Barthes über eine möglichen non-linearen Charakter von Texten, die den Leser/innen noch mehr Gestaltungsmöglichkeiten beim Rezipieren dieser Texte zugestehen sollten. Im Hypertext schien diese Idee Gestalt angenommen zu haben.

Während die Hypertext-Theorien von Landow oder auch David J. Bolter in den Sprach- und Medienwissenschaften zu regen Debatten über neue Text- und Kommunikationsformen und ihre Auswirkungen geführt haben (siehe, unter anderen (5)), sind deren Auswirkungen auf die Geschichtswssenschaften im Allgemeinen und die Theorie und Praxis der Geschichtsschreibung darüber bislang kaum rezipiert worden (vgl. Krameritsch (2)(3)).

Geschichtswissenschaft

Dem "Autor", bzw. der Autorin kommt in den Geschichtswissenschaften eine tragende Rolle zu. Die meisten Geschichtsdarstellungen sind Erzählungen von Historiker/innen, die Quellen darstellen und in einen Deutungszusammenhang stellen. Die Diskussion um die Bedeutung des "linguistic turns" in den Geschichtswissenschaften ist zwar mit viel Emotionen geführt worden (vgl. Noiriel (6)). Doch sie haben kaum zu einer veränderten Praxis in der Praxis der Geschichtsschreibung geführt. Auch wenn von der dichten Beschreibung und der Diskursanalyse wichtige Impulse für neu methodische Ansätze der Analyse geliefert haben: Mono-Auktoriale Erzählungen sind bei geschichtswissenschaftlichen Darstellungen noch immer die Regel. Zumeist werden sie von einelnen Autor/innen verfasst und sie legen einen Sachverhalt in einer linearen, aufbauenden, diachronen Textstruktur dar. (vgl. dazu Ausführungen von Epple (1)).

Autorschaft, ICT und Geschichte

Die These vom "Tod des Autors", der mit dem Aufkommen des non-linearen, partizipativen Textsystems Hypertext und der steigenden Alltagsbedeutung von ICT eingetreten sei, ist für die Praxis der Geschichstschreibung, bzw. die wissenschaftliche Aufgabe der Synthese (bzw. die Dimension "Schreiben" der historischen Online-Kompetenz) von zentraler Bedeutung.

Sie berührt die Frage, wie im Zeitalter der ICT in den Geschichtswissenschaften textuelles Wissen verfasst wird, auf zwei Weisen:

Bedeutet der "Tod des Autors durch ICT" auch das Ende der deutenden Darstellung, der Erzählung? Schreibt sich nun jede und jeder seine Geschichte selbst? Wie findet dann Austausch über die Bedeutung von Geschichte in ihrer identitätsstiftenden Funktion statt?

Literatur

  1. Epple, Angelika: "Verlinkt, vernetzt, verführt – verloren? Innovative Kraft und Gefahren der Online-Historiographie", in: Haber, Peter, Epple, Angelika (Hg.): Vom Nutzen und Nachteil des Internet für die historische Erkenntnis. Version 1.0, Zürich: Chronos 2005 (Geschichte und Informatik, Vol. 15/2004), S. 15-32
  2. Krameritsch, Jakob: "Geschichte(n) im Hypertext. Von Prinzen, DJs und Dramaturgen", in: Haber, Peter, Epple, Angelika (Hg.): Vom Nutzen und Nachteil des Internet für die historische Erkenntnis. Version 1.0, Zürich: Chronos 2005 (Geschichte und Informatik, Vol. 15/2004), S. 33-56
  3. Krameritsch, Jakob: Geschichte(n) im Netzwerk. Hypertext und dessen Potenziale für dei Produktion, Repräsentation und Rezeption der historischen Erzählung (Diss.), Wien 2005
  4. Schumacher, Eckhard: "Hyper/Text/Theorie: Die Bestimmung der Lesbarkeit", in: Andriopoulos, Stefan, et al. (Hg.): Die Adresse des Mediums, Köln: Du Mont 2001, S. 121-135.
  5. Hess-Lüttich, Ernest W.B. (Hg.): Medien, Texte und Maschinen. Angewandte Mediensemiotik, Frankfurt a.M./Bern/New York: Lang 2001
  6. Noiriel, Gérard: "Die Wiederkehr der Narrativität", in: Eibach, Joachim, Lottes, Günther (Hg.): Kompass der Geschichtswissenschaft, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht (UTB) 2002, S. 355-370.
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