WPKurier-Interview: Unterschied zwischen den Versionen

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== „Wikipedia ist ja nicht unbescheiden im Anspruch, daran muss sie
 
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'''Der Schweizer Historiker Dr. Peter Haber hat im Sommersemester 2010
 
der Wikipedia auf den Zahn gefühlt, während einer Gastprofessur in
 
Wien. Seine enttäuschte Schlussfolgerung aus seinen Beobachtungen und
 
denen seiner Studenten: ''Zum Einstieg nur bedingt geeignet.'' Der
 
Kurier hat mit ihm gechattet und einen begeisterten Wikipedia-Leser
 
kennengelernt, der sich über die Online-Enzyklopädie jedoch auch
 
ärgert.'''
 
  
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englischsprachigen Wikipedia der Kalte Krieg gemütlich am Kamin aus?]]
 
Habers zwanzig Seminaristen haben jeweils einen Artikel (eventuell in
 
mehreren Sprachversionen) untersucht. Ihnen war beispielsweise
 
aufgefallen, dass der Artikel zum [[Kalter Krieg|Kalten Krieg]] auf
 
Deutsch als Illustration eingangs eine nüchterne Karte zeigt. Der auf
 
Englisch präsentiert ein Foto mit Reagan und Gorbatschow als
 
harmonischem Ausklang. Der russischsprachige kommt mit einer
 
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waren. Im russischen Fall macht es den Eindruck, dass mit der Menge
 
der Länder im Sowjet-Block angegeben wird. Der englischsprachige
 
Artikel über den austrofaschistischen Kanzler [[Engelbert Dollfuss]]
 
mokiert sich langatmig über dessen bescheidene Körpergröße, der
 
deutschsprachige erwähnt sie nur kurz.
 
  
Ob das nicht zu wenig für verallgemeinerbare Aussagen ist, für
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'''Der Schweizer Historiker Dr. Peter Haber hat während einer Gastprofessur an der Uni Wien im Sommersemester 2010 der Wikipedia auf den Zahn gefühlt. Seine enttäuschte Schlussfolgerung aus seinen Beobachtungen und denen seiner Studierenden: ''Zum Einstieg nur bedingt geeignet.'' Der Kurier hat mit ihm gechattet und einen begeisterten Wikipedia-Leser
Haltungen in bestimmten Sprachversionen? Man habe betont, dass man
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kennengelernt, der sich über die Online-Enzyklopädie jedoch auch ärgert.'''
allenfalls versucht, aus Fallbeispielen gewisse Trends zu erkennen,
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meint Haber. Das sei ein mehr kulturwissenschaftlicher Zugang gewesen.
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[[File:Reagan and Gorbachev hold discussions.jpg|thumb|Klingt in der englischsprachigen Wikipedia der Kalte Krieg gemütlich am Kamin aus?]]
Wegen der Anonymität der Bearbeiter und anderer Gegebenheiten in der
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Habers zwanzig Seminaristen haben jeweils einen Artikel zumeist in mehreren mehreren Sprachversionen untersucht. So war ihnen beispielsweise aufgefallen, dass der Artikel zum [[Kalter Krieg|Kalten Krieg]] auf Deutsch als Illustration eingangs eine nüchterne Karte zeigt, während die englische Wikipedia ein Foto mit Reagan und Gorbatschow als am Kaminfeuer zeigte und damit den harmonischem Ausklang des Kalten Krieges suggerierte. Der russischsprachige kommt mit einer Aufzählung der Länder daher, die in den jeweiligen Blöcken vertreten waren. Im russischen Fall macht es den Eindruck, dass mit der Menge der Länder im Sowjet-Block angegeben wird. Ein anderes Beispiel: Der englischsprachige Artikel über den austrofaschistischen Kanzler [[Engelbert Dollfuss]] mokiert sich langatmig über dessen bescheidene Körpergröße, der längere deutschsprachige Text erwähnt diesen Umstand nur kurz.
Wikipedia sei eine saubere empirische bzw. statistische
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Herangehensweise auch kaum möglich.
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Ob das nicht zu wenig für verallgemeinerbare Aussagen ist, für Haltungen in bestimmten Sprachversionen? Man habe mit Fallbeispielen gearbeitet und allenfalls versucht, aus daraus  gewisse Trends zu erkennen, meint Haber. Das sei ein mehr kulturwissenschaftlicher Zugang gewesen. Wegen der Anonymität der Bearbeiter und anderer Gegebenheiten in der Wikipedia sei eine saubere empirische bzw. statistische Herangehensweise auch kaum möglich.
  
 
'''„Die Realität ist eine andere“'''
 
'''„Die Realität ist eine andere“'''
  
„Jedes Fallbeispiel ist inzidenziell, ja. Auch mit zwölf Artikeln mit
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„Jedes Fallbeispiel ist inzidenziell, ja. Auch mit zwölf Artikeln mit ähnlichen Befunden haben Sie keine validen Aussagen, weil Sie ja nicht einmal die Grundgesamtheit kennen.“ Dieses methodische Problem werde in der Fachliteratur gern ausgeblendet. Der Einsatz von Tools wie [http://wikibu.ch/ Wikibu] wäre übrigens sehr spannend gewesen, das hätte aber den Rahmen des Seminars gesprengt. Und um auf die Beispiele zurückzukommen:
ähnlichen Befunden haben Sie keine validen Aussagen, weil Sie ja nicht
 
einmal die Grundgesamtheit kennen.“ Dieses methodische Problem werde
 
in der Fachliteratur gern ausgeblendet. Der Einsatz von Tools wie
 
[http://wikibu.ch/ Wikibu] wäre übrigens sehr spannend gewesen, das
 
hätte aber den Rahmen des Seminars gesprengt. Und um auf die Beispiele
 
zurückzukommen:
 
  
{{Zitat|Klar war das eine Momentaufnahme mit dem Kalten Krieg, aber es
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{{Zitat|Klar war das eine Momentaufnahme mit dem Kalten Krieg, aber es ist immerhin ein wichtiger Artikel. Hätte es eine Mehrheit der Aktivisten gestört, dann hätte man das ja auch ändern oder zumindest diskutieren können. Insofern ist das Beispiel signifikant für mich.}}
ist immerhin ein wichtiger Artikel. Hätte es eine Mehrheit der
 
Aktivisten gestört, dann hätte man das ja auch ändern oder zumindest
 
diskutieren können. Insofern ist das Beispiel signifikant für mich.}}
 
  
[[File:Wikipedia day berne 2007 haber2.JPG|thumb|links|Peter Haber auf
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[[File:Wikipedia day berne 2007 haber2.JPG|thumb|links|Peter Haber auf dem Wikipedia-Tag in Bern 2007]]
dem Wikipedia-Tag in Bern 2007]]
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Haber hatte [http://weblog.histnet.ch/archives/4004 in seinem Blog] die Schlussfolgerung gezogen: „Viele geschichtswissenschaftliche Einträge der Wikipedia haben uns enttäuscht und bergen noch ein grosses Optimierungspotential.“ Erwartet er da nicht zu viel? Die Wikipedia betrachtet sich nur als allgemeines Nachschlagewerk, nicht als Einführung für Studenten.
Haber hatte [http://weblog.histnet.ch/archives/4004/comment-page-1#comment-57810
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Haber: „Schön gesagt! Aber die Realität ist ja eine andere... und davon sind wir ausgegangen.“
in seinem Blog] die Schlussfolgerung gezogen: „Viele
 
geschichtswissenschaftliche Einträge der Wikipedia haben uns
 
enttäuscht und bergen noch ein grosses Optimierungspotential.“
 
Erwartet er da nicht zu viel? Die Wikipedia betrachtet sich nur als
 
allgemeines Nachschlagewerk, nicht als Einführung für Studenten.
 
Haber: „Schön gesagt! Aber die Realität ist ja eine andere... und
 
davon sind wir ausgegangen.“
 
  
Man fand es im Seminar interessant, wenn die Wikipedianer mal über die
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Man fand es im Seminar interessant, wenn die Wikipedianer mal über die Bedeutung ihrer eigenen Texte reflektiert haben, zum Beispiel auf der Diskussionsseite zum Artikel [[Französische Revolution]]: Jemand schrieb [http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Franz%C3%B6sische_Revolution#Hinweis_zum_.C3.9Cberarbeiten-Baustein_vom_12._Februar_2007 dort], man müsse hier besonders genau sein, weil es ein Thema sei, das alle Schülerinnen und Schüler bräuchten.
Bedeutung ihrer eigenen Texte reflektiert haben, zum Beispiel auf der
 
Diskussionsseite zum Artikel [[Französische Revolution]]: Jemand
 
schrieb dort, man müsse hier besonders genau sein, weil es ein Thema
 
sei, das alle Schülerinnen und Schüler bräuchten.
 
  
Überhaupt: „Wikipedia ist ja nicht unbescheiden im Anspruch, daran
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Überhaupt: „Wikipedia ist ja nicht unbescheiden im Anspruch, daran muss sie auch gemessen werden. Ich habe in meiner Habilitationsschrift auch die Traditionslinien der Wikipedia, in die sie sich einzuschreiben versucht, herausgearbeitet. Wenn Jimmy Wales sagt, man baue mit der Wikipedia die Alexandrinische Bibliothek des 21. Jahrhunderts, dann dürfen wir doch ein bisschen kritisch nachfragen“, meint der Historiker.
muss sie auch gemessen werden. Ich habe in einer Vorlesung in Wien,
 
die auf meiner Habilitationsschrift basiert, auch diese
 
Traditionslinien ein wenig herausgearbeitet. Wenn Jimmy Wales sagt, er
 
baue die Alexandrinische Bibliothek des 21. Jahrhunderts, dann dürfen
 
wir doch ein bisschen kritisch nachfragen“, augenzwinkert der
 
Historiker.
 
  
 
'''Der Wert von Experten'''
 
'''Der Wert von Experten'''
  
Wikipedianern fällt es auf, dass übergreifende „Hauptartikel“ wie
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Wikipedianern fällt es auf, dass übergreifende „Hauptartikel“ wie [[Geschichte]] oder [[Geschichtswissenschaft]] oft viel ärmlicher sind als „Unterartikel“ zu begrenzteren Themen wie [[Sachsenross]] oder [[Henri Dunant]]. Letztere werden auch eher Exzellente Artikel. Liegt das daran, dass man dort ungestört ist, oder ist das Narrativ leichter zu finden? Ist es bei Konkretem einfacher, zu belegen und Konsens zu finden? Haber: {{Zitat|Das Problem ist, dass Sie für das Lemma Henri Dunant keine fachwissenschaftliche Ausbildung brauchen, Sie können, wenn Sie präzise arbeiten können, auch als Laie einen sehr guten solchen Text kompilieren. Bei „Geschichte“, bei methodischen Fragen, aber auch bei Epochen geht das nicht. Da müssen Sie die internen Fachdiskurse kennen, müssen aus mehreren Möglichkeiten auswählen und müssen gewichten. Sonst wird es dann so wie der Artikel „Aufklärung“, den ich im [http://histnet.ch/dox/110129.pdf ZEIT-Interview] auch als Negativbeispiel erwähnt habe.}}
[[Geschichte]] oder [[Geschichtswissenschaft]] oft viel ärmlicher sind
 
als „Unterartikel“ zu begrenzteren Themen wie [[Sachsenross]] oder
 
[[Henri Dunant]]. Letztere werden auch eher Exzellente Artikel. Liegt
 
das daran, dass man dort ungestört ist, oder ist die Narrative
 
leichter zu finden? Ist es bei Konkretem einfacher, zu belegen und
 
Konsens zu finden? Haber:
 
 
 
{{Zitat|Das Problem ist, dass Sie für das Lemma Henri Dunant keine
 
fachwissenschaftliche Ausbildung brauchen, Sie können, wenn Sie
 
präzise arbeiten können, auch als Laie einen sehr guten solchen Text
 
kompilieren. Bei „Geschichte“, bei methodischen Fragen, aber auch bei
 
Epochen geht das nicht. Da müssen Sie die internen Fachdiskurse
 
kennen, müssen aus mehreren Möglichkeiten auswählen und müssen
 
gewichten. Sonst wird es dann so wie der Artikel „Aufklärung“, den ich
 
im [http://histnet.ch/dox/110129.pdf ZEIT-Interview] auch als
 
Negativbeispiel erwähnt habe.}}
 
  
Artikel, in denen es vor allem um Fakten geht, könne man kooperativ
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Artikel, in denen es vor allem um Fakten geht, könne man kooperativ einfacher erarbeiten. Bei großen Themen aber leide die Stringenz. „Das haben wir mehrmals gesehen. [[Frühmittelalter]] war so ein Beispiel - nichts falsch, aber auch keine richtige Übersichtlichkeit.“
einfacher erarbeiten. Bei großen Themen aber leide die Stringenz. „Das
 
haben wir mehrmals gesehen. [[Frühmittelalter]] war so ein Beispiel -
 
nichts falsch, aber auch keine richtige Übersichtlichkeit.“
 
  
 
'''Ein Tabu in Frage stellen'''
 
'''Ein Tabu in Frage stellen'''
  
[[File:2009-07-20 wpy 02.JPG|thumb|„Aggressiv bis primitiv sind noch
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[[File:2009-07-20 wpy 02.JPG|thumb|„Aggressiv bis zuweilen primitiv ist der Umgangston“]]
die höflichsten Umschreibungen...“]]
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An der Wikipedia kann man noch viel verbessern, ist sich Haber mit den Wikipedianern einig. Er findet es etwa ärgerlich, wenn ein Artikel nur auf ein einziges Werk verweist, aber mit einer langen Literaturliste daherkommt. „Im OPAC nachschauen kann ich selber.“ Oder dass manche glauben, man könne mit der weiterführenden Literatur den gesamten Artikel „belegen“.
An der Wikipedia kann man noch viel verbessern, ist sich Haber mit den
 
Wikipedianern einig. Er findet es etwa ärgerlich, wenn ein Artikel nur
 
auf ein einziges Werk verweist, aber mit einer langen Literaturliste
 
daherkommt. „Im OPAC nachschauen kann ich selber.“ Oder dass manche
 
glauben, man könne mit der weiterführenden Literatur den gesamten
 
Artikel „belegen“.
 
 
 
Nach seinem größten Wunsch für die Wikipedia befragt, nannte Haber
 
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{{Zitat|Ich beobachte einige Diskussionen seit Jahren sehr genau, zum
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Nach seinem größten Wunsch für die Wikipedia befragt, nannte Haber einen anderen Umgangston: {{Zitat|Ich beobachte einige Diskussionen seit Jahren sehr genau, zum Beispiel zu meinem Dissertationsthema [[Ignaz Goldziher|Goldziher]]. Da vergeht einem jegliche Lust, mitzuarbeiten. Aggressiv bis zuweilen primitiv ist der Umgangston. Und das ist uns auch im
Beispiel zu meinem Dissertationsthema [[Ignaz Goldziher|Goldziher]].
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Seminar immer wieder aufgefallen, diese Verbissenheit und die Aggression.}}
Da vergeht einem jegliche Lust, mitzuarbeiten. Aggressiv bis primitiv
 
sind noch die höflichsten Umschreibungen. Und das ist uns auch im
 
Seminar immer wieder aufgefallen, diese Verbissenheit und die
 
Aggression.}}
 
  
Prompt liefert er das Heilmittel mit: Das „Tabu der Anonymität“ müsse
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Prompt liefert er einen möglichen Ausweg mit: Das „Tabu der Anonymität“ müsse endlich ernsthaft in Frage gestellt werden. Das sei für Wissenschaftler das Hauptproblem mit der Wikipedia. Er denkt also an Klarnamen? „Ja, auf jeden Fall! Es würde die meisten Probleme, inklusive Mobbing, auf einen Schlag lösen! Oder fast auf einen Schlag...“
endlich ernsthaft in Frage gestellt werden. Das sei für
 
Wissenschaftler das Hauptproblem mit der Wikipedia. Er denkt also an
 
Klarnamen? „Ja, auf jeden Fall! Es würde die meisten Probleme,
 
inklusive Mobbing, auf einen Schlag lösen! Oder fast auf einen
 
Schlag...“
 
  
<small>Für das Jahresende hat Peter Haber die vollständigen Ergebnisse
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<small>Für das Jahresende hat Peter Haber eine e-Publication mit den Ergebnissen des Forschungsseminars ins Auge gefasst. Mehr Informationen gibt es bereits auf der Plattform [http://www.hist.net/forschung-praxis/wikipedia-und-die-geschichtswissenschaften hist.net]. Interview am 10.7.2010 durch [[Benutzer:Ziko|Ziko
seines Seminars angekündigt. Mehr Informationen gibt es bereits auf
 
[http://wiki.histnet.ch/index.php/Werkstattgespr%C3%A4ch_Wien_2010
 
wiki.histnet.ch]. Interview am 10.7.2010 durch [[Benutzer:Ziko|Ziko
 
 
van Dijk]] </small>
 
van Dijk]] </small>

Version vom 10. Juli 2010, 00:08 Uhr

== „Wikipedia ist ja nicht unbescheiden im Anspruch, daran muss sie auch gemessen werden“ ==


Der Schweizer Historiker Dr. Peter Haber hat während einer Gastprofessur an der Uni Wien im Sommersemester 2010 der Wikipedia auf den Zahn gefühlt. Seine enttäuschte Schlussfolgerung aus seinen Beobachtungen und denen seiner Studierenden: Zum Einstieg nur bedingt geeignet. Der Kurier hat mit ihm gechattet und einen begeisterten Wikipedia-Leser kennengelernt, der sich über die Online-Enzyklopädie jedoch auch ärgert.

Datei:Reagan and Gorbachev hold discussions.jpg
Klingt in der englischsprachigen Wikipedia der Kalte Krieg gemütlich am Kamin aus?

Habers zwanzig Seminaristen haben jeweils einen Artikel zumeist in mehreren mehreren Sprachversionen untersucht. So war ihnen beispielsweise aufgefallen, dass der Artikel zum Kalten Krieg auf Deutsch als Illustration eingangs eine nüchterne Karte zeigt, während die englische Wikipedia ein Foto mit Reagan und Gorbatschow als am Kaminfeuer zeigte und damit den harmonischem Ausklang des Kalten Krieges suggerierte. Der russischsprachige kommt mit einer Aufzählung der Länder daher, die in den jeweiligen Blöcken vertreten waren. Im russischen Fall macht es den Eindruck, dass mit der Menge der Länder im Sowjet-Block angegeben wird. Ein anderes Beispiel: Der englischsprachige Artikel über den austrofaschistischen Kanzler Engelbert Dollfuss mokiert sich langatmig über dessen bescheidene Körpergröße, der längere deutschsprachige Text erwähnt diesen Umstand nur kurz.

Ob das nicht zu wenig für verallgemeinerbare Aussagen ist, für Haltungen in bestimmten Sprachversionen? Man habe mit Fallbeispielen gearbeitet und allenfalls versucht, aus daraus gewisse Trends zu erkennen, meint Haber. Das sei ein mehr kulturwissenschaftlicher Zugang gewesen. Wegen der Anonymität der Bearbeiter und anderer Gegebenheiten in der Wikipedia sei eine saubere empirische bzw. statistische Herangehensweise auch kaum möglich.

„Die Realität ist eine andere“

„Jedes Fallbeispiel ist inzidenziell, ja. Auch mit zwölf Artikeln mit ähnlichen Befunden haben Sie keine validen Aussagen, weil Sie ja nicht einmal die Grundgesamtheit kennen.“ Dieses methodische Problem werde in der Fachliteratur gern ausgeblendet. Der Einsatz von Tools wie Wikibu wäre übrigens sehr spannend gewesen, das hätte aber den Rahmen des Seminars gesprengt. Und um auf die Beispiele zurückzukommen:

Vorlage:Zitat

Datei:Wikipedia day berne 2007 haber2.JPG
Peter Haber auf dem Wikipedia-Tag in Bern 2007

Haber hatte in seinem Blog die Schlussfolgerung gezogen: „Viele geschichtswissenschaftliche Einträge der Wikipedia haben uns enttäuscht und bergen noch ein grosses Optimierungspotential.“ Erwartet er da nicht zu viel? Die Wikipedia betrachtet sich nur als allgemeines Nachschlagewerk, nicht als Einführung für Studenten. Haber: „Schön gesagt! Aber die Realität ist ja eine andere... und davon sind wir ausgegangen.“

Man fand es im Seminar interessant, wenn die Wikipedianer mal über die Bedeutung ihrer eigenen Texte reflektiert haben, zum Beispiel auf der Diskussionsseite zum Artikel Französische Revolution: Jemand schrieb dort, man müsse hier besonders genau sein, weil es ein Thema sei, das alle Schülerinnen und Schüler bräuchten.

Überhaupt: „Wikipedia ist ja nicht unbescheiden im Anspruch, daran muss sie auch gemessen werden. Ich habe in meiner Habilitationsschrift auch die Traditionslinien der Wikipedia, in die sie sich einzuschreiben versucht, herausgearbeitet. Wenn Jimmy Wales sagt, man baue mit der Wikipedia die Alexandrinische Bibliothek des 21. Jahrhunderts, dann dürfen wir doch ein bisschen kritisch nachfragen“, meint der Historiker.

Der Wert von Experten

Wikipedianern fällt es auf, dass übergreifende „Hauptartikel“ wie Geschichte oder Geschichtswissenschaft oft viel ärmlicher sind als „Unterartikel“ zu begrenzteren Themen wie Sachsenross oder Henri Dunant. Letztere werden auch eher Exzellente Artikel. Liegt das daran, dass man dort ungestört ist, oder ist das Narrativ leichter zu finden? Ist es bei Konkretem einfacher, zu belegen und Konsens zu finden? Haber: Vorlage:Zitat

Artikel, in denen es vor allem um Fakten geht, könne man kooperativ einfacher erarbeiten. Bei großen Themen aber leide die Stringenz. „Das haben wir mehrmals gesehen. Frühmittelalter war so ein Beispiel - nichts falsch, aber auch keine richtige Übersichtlichkeit.“

Ein Tabu in Frage stellen

Datei:2009-07-20 wpy 02.JPG
„Aggressiv bis zuweilen primitiv ist der Umgangston“

An der Wikipedia kann man noch viel verbessern, ist sich Haber mit den Wikipedianern einig. Er findet es etwa ärgerlich, wenn ein Artikel nur auf ein einziges Werk verweist, aber mit einer langen Literaturliste daherkommt. „Im OPAC nachschauen kann ich selber.“ Oder dass manche glauben, man könne mit der weiterführenden Literatur den gesamten Artikel „belegen“.

Nach seinem größten Wunsch für die Wikipedia befragt, nannte Haber einen anderen Umgangston: Vorlage:Zitat

Prompt liefert er einen möglichen Ausweg mit: Das „Tabu der Anonymität“ müsse endlich ernsthaft in Frage gestellt werden. Das sei für Wissenschaftler das Hauptproblem mit der Wikipedia. Er denkt also an Klarnamen? „Ja, auf jeden Fall! Es würde die meisten Probleme, inklusive Mobbing, auf einen Schlag lösen! Oder fast auf einen Schlag...“

Für das Jahresende hat Peter Haber eine e-Publication mit den Ergebnissen des Forschungsseminars ins Auge gefasst. Mehr Informationen gibt es bereits auf der Plattform hist.net. Interview am 10.7.2010 durch Ziko van Dijk