WPKurier-Interview

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Version vom 10. Juli 2010, 00:13 Uhr von Peter Haber (Diskussion | Beiträge)
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== „Wikipedia ist ja nicht unbescheiden im Anspruch, daran muss sie auch gemessen werden“ ==


Der Schweizer Historiker PD Dr. Peter Haber hat während einer Gastprofessur an der Uni Wien im Sommersemester 2010 der Wikipedia auf den Zahn gefühlt. Seine enttäuschte Schlussfolgerung aus seinen Beobachtungen und denen seiner Studierenden: Zum Einstieg nur bedingt geeignet. Der Kurier hat mit ihm gechattet und einen begeisterten Wikipedia-Leser kennengelernt, der sich über die Online-Enzyklopädie jedoch auch ärgert.

Datei:Reagan and Gorbachev hold discussions.jpg
Klingt in der englischsprachigen Wikipedia der Kalte Krieg gemütlich am Kamin aus?

Habers zwanzig Seminaristen haben jeweils einen Artikel zumeist in mehreren mehreren Sprachversionen untersucht. So war ihnen beispielsweise aufgefallen, dass der Artikel zum Kalten Krieg auf Deutsch als Illustration eingangs eine nüchterne Karte zeigt, während die englische Wikipedia ein Foto mit Reagan und Gorbatschow als am Kaminfeuer zeigte und damit den harmonischem Ausklang des Kalten Krieges suggerierte. Der russischsprachige kommt mit einer Aufzählung der Länder daher, die in den jeweiligen Blöcken vertreten waren. Im russischen Fall macht es den Eindruck, dass mit der Menge der Länder im Sowjet-Block angegeben wird. Ein anderes Beispiel: Der englischsprachige Artikel über den austrofaschistischen Kanzler Engelbert Dollfuss mokiert sich langatmig über dessen bescheidene Körpergröße, der längere deutschsprachige Text erwähnt diesen Umstand nur kurz.

Ob das nicht zu wenig für verallgemeinerbare Aussagen ist, für Haltungen in bestimmten Sprachversionen? Man habe mit Fallbeispielen gearbeitet und allenfalls versucht, aus daraus gewisse Trends zu erkennen, meint Haber. Das sei ein mehr kulturwissenschaftlicher Zugang gewesen. Wegen der Anonymität der Bearbeiter und anderer Gegebenheiten in der Wikipedia sei eine saubere empirische bzw. statistische Herangehensweise auch kaum möglich.

„Die Realität ist eine andere“

„Jedes Fallbeispiel ist inzidenziell, ja. Auch mit zwölf Artikeln mit ähnlichen Befunden haben Sie keine validen Aussagen, weil Sie ja nicht einmal die Grundgesamtheit kennen.“ Dieses methodische Problem werde in der Fachliteratur gern ausgeblendet. Der Einsatz von Tools wie Wikibu wäre übrigens sehr spannend gewesen, das hätte aber den Rahmen des Seminars gesprengt. Und um auf die Beispiele zurückzukommen:

Vorlage:Zitat

Datei:Wikipedia day berne 2007 haber2.JPG
Peter Haber auf dem Wikipedia-Tag in Bern 2007

Haber hatte in seinem Blog die Schlussfolgerung gezogen: „Viele geschichtswissenschaftliche Einträge der Wikipedia haben uns enttäuscht und bergen noch ein grosses Optimierungspotential.“ Erwartet er da nicht zu viel? Die Wikipedia betrachtet sich nur als allgemeines Nachschlagewerk, nicht als Einführung für Studenten. Haber: „Schön gesagt! Aber die Realität ist ja eine andere... und davon sind wir ausgegangen.“

Man fand es im Seminar interessant, wenn die Wikipedianer mal über die Bedeutung ihrer eigenen Texte reflektiert haben, zum Beispiel auf der Diskussionsseite zum Artikel Französische Revolution: Jemand schrieb dort, man müsse hier besonders genau sein, weil es ein Thema sei, das alle Schülerinnen und Schüler bräuchten.

Überhaupt: „Wikipedia ist ja nicht unbescheiden im Anspruch, daran muss sie auch gemessen werden. Ich habe in meiner Habilitationsschrift auch die Traditionslinien der Wikipedia, in die sie sich einzuschreiben versucht, herausgearbeitet. Wenn Jimmy Wales sagt, man baue mit der Wikipedia die Alexandrinische Bibliothek des 21. Jahrhunderts, dann dürfen wir doch ein bisschen kritisch nachfragen“, meint der Historiker.

Der Wert von Experten

Wikipedianern fällt es auf, dass übergreifende „Hauptartikel“ wie Geschichte oder Geschichtswissenschaft oft viel ärmlicher sind als „Unterartikel“ zu begrenzteren Themen wie Sachsenross oder Henri Dunant. Letztere werden auch eher Exzellente Artikel. Liegt das daran, dass man dort ungestört ist, oder ist das Narrativ leichter zu finden? Ist es bei Konkretem einfacher, zu belegen und Konsens zu finden? Haber: Vorlage:Zitat

Artikel, in denen es vor allem um Fakten geht, könne man kooperativ einfacher erarbeiten. Bei großen Themen aber leide die Stringenz. „Das haben wir mehrmals gesehen. Frühmittelalter war so ein Beispiel - nichts falsch, aber auch keine richtige Übersichtlichkeit.“

Ein Tabu in Frage stellen

Datei:2009-07-20 wpy 02.JPG
„Aggressiv bis zuweilen primitiv ist der Umgangston“

An der Wikipedia kann man noch viel verbessern, ist sich Haber mit den Wikipedianern einig. Er findet es etwa ärgerlich, wenn ein Artikel nur auf ein einziges Werk verweist, aber mit einer langen Literaturliste daherkommt. „Im OPAC nachschauen kann ich selber.“ Oder dass manche glauben, man könne mit der weiterführenden Literatur den gesamten Artikel „belegen“.

Nach seinem größten Wunsch für die Wikipedia befragt, nannte Haber einen anderen Umgangston: Vorlage:Zitat

Prompt liefert er einen möglichen Ausweg mit: Das „Tabu der Anonymität“ müsse endlich ernsthaft in Frage gestellt werden. Das sei für Wissenschaftler das Hauptproblem mit der Wikipedia. Er denkt also an Klarnamen? „Ja, auf jeden Fall! Es würde die meisten Probleme, inklusive Mobbing, auf einen Schlag lösen! Oder fast auf einen Schlag...“

Für das Jahresende hat Peter Haber eine e-Publication mit den Ergebnissen des Forschungsseminars ins Auge gefasst. Mehr Informationen gibt es bereits auf der Plattform hist.net. Interview am 10.7.2010 durch Ziko van Dijk